Politik : Afghanistan: Ein Volk in Not

Gabriele Venzky

Es ist das erste Mal, dass die Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen einen derartig dringenden Notruf ausgesandt haben: "Vergesst nicht die Menschen von Afghanistan. Lasst sie nicht verhungern oder im Krieg umkommen." In einem so wohl noch nie formulierten gemeinsamen Appell aller UN-Hilfsorganisationen, die bisher in Afghanistan für das Überleben von Millionen Menschen verantwortlich waren, heißt es: "Wir fordern die Welt dringend auf, trotz allem, was am 11. September geschehen ist, die Prinzipien des internationalen humanitären Rechts zu achten und die Zivilbevölkerung, insbesondere Millionen von Kindern und Frauen zu schützen." Die UN-Organisationen weisen darauf hin, dass sich in Afghanistan eine humanitäre Krise von ungeahntem Ausmaß entwickelt. Fünf Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, drohen zu verhungern. Trotz drohender US-Angriffe will das UN-Welternährungsprogramm (WFP) daher die Lebensmittellieferungen nach Afghanistan wieder aufnehmen. Die Hilfsgüter sollen im Norden und Westen des Landes verteilt werden, teilte das WFP am Dienstag mit.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
Militärische Reaktionen: Die Vorbereitungen auf einen Gegenschlag
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1
Fahndung: Der Stand der Ermittlungen
Rettungsarbeiten: Die Suche nach den Verschütteten
Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Zuvor hatten die Taliban in Kandahar 1400 Tonnen Lebensmittel beschlagnahmt. Außerdem wurden wie schon zuvor in Kabul sämtliche Kommunikationsmittel der UN, vor allem die Funkgeräte, abtransportiert. Sollte noch jemand Computer oder Walkie-Talkies benutzen, müsse er mit dem Tode rechnen, drohten die Taliban. Alle ausländischen Mitarbeiter der UN-Organisationen hatten bereits in der vergangenen Woche das Land verlassen müssen. Rund eineinhalb Millionen Menschen in Afghanistan wurden bisher allein durch die Hilfsorganisationen am Leben gehalten: vor allem Frauen, die seit der Herrschaft der Taliban keiner Arbeit mehr nachgehen dürfen, unter ihnen viele Kriegerwitwen, die ohne Mann nicht einmal mehr das Haus verlassen konnten, und außerdem die Schwächsten, die Kinder.

Hinzu kommt die entsetzliche Dürre der letzten drei Jahre. Über eine Million Menschen irren auf der Suche nach etwas Essbarem durch das Land, ernähren sich von Gras und Blättern. Das Saatgut für die Zukunft ist längst aufgegessen. Im Oktober beginnt häufig früh der strenge Winter, mit Temperaturen von unter 20 Grad Kälte, denen die geschwächten Menschen nichts entgegenzusetzen haben. Die Hälfte der Bevölkerung von Kabul, Kandahar und Jalalabad hat aus Angst vor Angriffen ihre Städte verlassen. An den geschlossenen Grenzen zum Iran und zu Pakistan sind schon eine Million Menschen gestrandet. Ein dringender Appell ist an diese Staaten ergangen, ihre Grenzen für die Flüchtenden zu öffnen, doch beide Länder haben Angst vor einer neuen Flüchtlingswelle. Iran beherbergt bereits 1,5 Millionen Flüchtlinge, Pakistan mehr als zwei Millionen, und beide fürchten, das mit den Menschen neue Gefahren kommen. Pakistan hat am Dienstag einige Zehntausend Afghanen ins Land gelassen. Nachdem auch Saudi Arabien die Beziehungen zu den Taliban abgebrochen hat, ist Pakistan die letzte Tür der Taliban zur Außenwelt. Die internationale Gemeinschaft ist dabei, dem bankrotten pakistanischen Staat nun kräftig unter die Arme zu greifen, um ihn zu stärken. Am Dienstag kam eine EU-Delegation nach Islamabad und versprach 39 Millionen Mark als Soforthilfe zur Bewältigung des Flüchtlingsstroms, der im Fall eines US-Angriffs auf Afghanistan erwartet wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben