Politik : Afghanistan: Eine Frage des Kommandos

Ashwin Raman

Junis Kanuni wirkt erschöpft und kraftlos. In den letzten zwei Tagen hat er nur sechs Stunden geschlafen. Am Mittwoch hatte sich der Verhandlungsführer der Nordallianz bei der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg noch gegen den Einsatz einer multinationalen Friedenstruppe in Afghanistan gestemmt. Bis spät in die Nacht wurde er aber von Mitgliedern seiner eigenen Delegation, von den anderen Gruppen, von UN-Funktionären und den Delegierten aus den USA pausenlos bearbeitet. Wenn die Nordallianz die Friedenstruppe nicht akzeptiert hätte, würde es den UN schwer fallen, Millionen in den Wiederaufbau Afghanistans zu investieren. Kanuni telefonierte auch lange mit dem Außenminister der Nordallianz, Abdullah Abdullah in Kabul. Am Donnerstag erklärte sich Kanuni mit dem Einsatz der Friedenstruppen einverstanden, aber nur für eine Interimszeit. Seine frühere Aussage sei ein Missverständnis gewesen. Der Dolmetscher habe falsch übersetzt, so Kanuni.

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Die zweite große Hürde ist die von den UN vorgeschlagene breite Übergangsregierung. Hamid Gailani von der Peschawar-Gruppe sagte dem Tagesspiegel: "Wie soll das gehen? In Kabul sitzen die Tadschiken. Sie werden nicht bereit sein, Kabul zu demilitarisieren. Eine breite ethnische Regierung ist eine Illusion, da in Bonn die Paschtunen kaum vertreten sind." Ein weiterer Delegierter kritisierte, dass der ehemalige König Sahir Schah, der doch die Paschtunen vertreten solle, selbst nicht einmal Paschtu sprechen könne.

Für Probleme sorgen auch die Kommandeure der Nordallianz, die große Gebiete erobert haben. Besonders Ismail Khan, der Herat und die Westprovinzen kontrolliert und nur durch Druck der USA nicht in Kandahar einmarschiert ist, ist nicht einverstanden mit der Stationierung von Friedenstruppen und der Teilung der Macht. Kanuni würde es lieber sehen, dass General Fahim von Kabul aus in Kandahar einmarschiert, der wie Kanuni zu der Gruppe des ermordeten Oppositionsführers Schah Massud gehört.

Die Delegierten der Nordallianz führten am Rande der Konferenz viele Telefongespräche mit dem ehemaligen Präsidenten Rabbani. Das, was in Bonn entschieden werde, habe nur symbolischen Charakter, sagte er. Die Delegierten in Bonn seien nicht autorisiert, etwas zu entscheiden. Die Nordallianz-Führung möchte Rabbani Beobachtern zufolge künftig nicht gerne in einem Amt sehen. Aber Rabbani hat große Unterstützung von Russland und Iran. Am Dienstag landeten zwölf russische Transportflugzeuge am Bagram-Flughafen in Afghanistan, mit Hilfsgütern, Ingenieuren, Minenexperten, Diplomaten und bewaffneten Einheiten. Ein russischer Delegierter in Bonn sagte: "Wir sind nur einer Bitte der islamischen Republik Afghanistan nachgekommen." Barnett Rubin, ein Amerikaner in der UN-Delegation, sagte dazu, dass die Russen unverantwortlich handelten. "Sie haben wenig Interesse an der Stabilität Afghanistans. Vielmehr wollen sie ihren Einfluss geltend machen." Rabbani sagte den Delegierten telefonisch noch am Freitagmorgen, er sei gegen den Einsatz von Friedenstruppen. Kanuni versuchte in der Nacht zum Freitag, ihn umzustimmen. Am Mittag hieß es, der Ex-Präsident stimme notfalls einer ausländischen Truppe zu.

Eine schlechte Botschaft erreichte Kanuni in der Nacht zum Freitag: Paschtunen-Führer Hadschi Abdul Kadir, der Bruder des von den Taliban ermordeten Oppositionsführers Abdul Haq, verließ die Konferenz. Kadir, der als Delegierter von der Nordallianz benannt worden war, nannte die Beteiligung der Paschtunen an der Konferenz unzureichend. Beobachtern zufolge war er auch verärgert über Kanunis Verhandlungsverführung.

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