Afghanistan : Eine Reise zum Frieden am Hindukusch

Afghanistan ist in Deutschland heute das Synonym für Krieg. Doch es gibt eine kleine Insel: Bamian. Dort liegen unwirklich blaue Seen und der erste Nationalpark. Es ist das Tal der Buddha-Statuen, die die Taliban im März 2001 sprengten.

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Afghanistan setzen die meisten Menschen in Deutschland mit Krieg gleich. Für viele Regionen stimmt diese Einschätzung. Doch es gibt eine Provinz, in der bis auf einen Zipfel im Nordosten Frieden herrscht. Dort kann man sich ohne Angst bewegen. Es ist das Bamian-Tal. Dort, wo die weltgrößten Buddhastatuen standen, bis Taliban sie im März 2001 sprengten. Foto: Ingrid MüllerWeitere Bilder anzeigen
Foto: Ingrid Müller
24.09.2010 18:24Afghanistan setzen die meisten Menschen in Deutschland mit Krieg gleich. Für viele Regionen stimmt diese Einschätzung. Doch es...

Das hat gerade noch gefehlt. Keinen Mucks tut der Motor des Nissan Patrol mehr, mitten im Nirgendwo an einem Checkpoint im Bamian-Tal in Afghanistan. Eben hat ein Polizist mit einem breiten hellen Pflaster auf der dunklen Wange den Halt an seiner Schranke befohlen. Hätten wir nicht einfach auf der Baustelle nebenan vorbeifahren können? Stattdessen rutscht ein Spezialpolizist neben den Dolmetscher auf den Rücksitz, verlangt den Pass der Ausländerin. Beruf? Vorhaben? Der schmale Mann im dunkelblauen Trainingsanzug notiert es in seine A5-Kladde. Sie wollen genau wissen, welche Fremden sich im Tal aufhalten. Dann dürfen wir weiter. Aber wir können nicht.

Kaum ist die Motorhaube offen, klettert der Planierraupenfahrer aus dem mit Gardinen und Glitzertroddeln verzierten Führerhaus; die Erde bebt nun nicht mehr. Sein Turban verschwindet mit den Mützen der Polizisten unter der Haube. Immer wieder taucht einer ins Fahrzeuginnere, mal, um eine Sicherung aus dem Ascher zu angeln, dann, um den Anlasser zu testen. Nichts. Dieselbe Diagnose fürs Handy: kein Empfang, nicht einmal am Satellitentelefon. Die Berge sind zu nah und zu hoch. Wir sitzen fest, eine halbe Stunde von Bamian Stadt, gute zwei Stunden vom Ziel, den Band-eAmir-Seen. Die Dieselpumpe ist kaputt. Wo gibt es Hilfe? Der eben noch so strenge Kladdenmann schwingt sich in schwarzen Schlappen und schmaler Sonnenbrille auf sein Moped, Dolmetscher Diamond hinten drauf. Nun taut auch der bepflasterte Wachposten auf, schon sitzen wir unter einem Vordach mit auf der schwarzen Decke, die sie mit Steinen befestigt haben. Einer gießt aus einem Messingkessel grünen Tee in Gläser. Das Aroma ungewaschener Füße schleicht sich in die Nase. Ein paar Worte Dari – wir haben neue Freunde.

Der Vermieter hat kein anderes Auto. Ein Mann, der Bauarbeiter zur Arbeit bringt, ist der Retter. Wir wechseln in seinen altersschwachen Toyota Corolla mit rotem Samtüberzug fürs Cockpit. Der Fahrer ruft einem noch zu: „Sag meiner Frau, dass ich zum Mittagessen nicht da bin.“ Weiter geht es durch die bizarr schönen wie staubigen Berge Afghanistans, immer wieder abseits der eigentlichen Straße, denn die ist eine einzige Baustelle. Nächstes Jahr soll die Asphaltdecke folgen, die Fahrtzeit auf eine Stunde schrumpfen. Im Winter ab Ende Oktober muss die Arbeit ruhen. Der motorisierte Verkehr hält sich in Grenzen. Minibusse, Trucks, ein paar alte Pkw. Vor allem Esel sind unterwegs. Viele hoch beladen mit Geflechtbüscheln, sie sind neben dem Dung der Tiere hier das Brennmaterial.

Nach gut zwei Stunden hüpfender Fahrt durch eine Felslandschaft, die mitunter an den Grand Canyon erinnert, erhascht das Auge den ersten Blick: Wasser, sehr blau. Eine Fata Morgana? Wie eine riesige Badewanne liegt ein See dort, von weißlichen Travertinwänden stürzt klares Nass metertief in eine Ebene, mäandert, bildet einen kleinen See. Insgesamt ist es eine Kette von sechs, die Band-e-Amir-Seen sind Magnet für die Menschen der weiteren Umgebung. Je nach Sonneneinstrahlung ändert das unwirklich blaue, klare Wasser seine Farbe. Allein so viel Wasser, das ist eine Attraktion in dem trockenen Land. Die Farbe verdankt es Mineralien. Viele Afghanen schreiben den Seen auf fast 3000 Meter Höhe magische Bedeutung zu.

Ein graubraunes Häuschen, beklebt mit Wahlplakaten, ein Findling – die Einfahrt zu Afghanistans erstem Nationalpark. Für 100 Afghani – etwa zwei US-Dollar – gewährt ein faltiger Mann Einfahrt. Es ist nicht einmal Freitag, aber zahlreiche Großfamilien sitzen vor ihren Kleinbussen, Männer waschen neben Zelten Fleisch fürs Abendessen. In einem lindgrünen Schwanenhals-Tretboot schippern verschleierte Mädchen über den See. An einem flachen Felsen wagen sich ein paar kichernde junge Frauen in die türkis-glitzernde Flut – natürlich komplett angezogen. Ab und zu kommt auch eine Ausländerin aus Kabul im Badeanzug. Sie ist bei den Männern dann die Attraktion, geben Manager Mohammad Arif Rahimy und seine Mitarbeiter etwas betreten auf diese „schwierige Frage“ zu. Rahimy möchte mit dem Nationalpark „Brücken bauen“. Die Menschen jenseits der Grenzen müssten doch auch dieses so andere Afghanistan kennenlernen, wünscht er sich beim Aufstieg zum See. Ein Motorboot liegt am Ufer, dessen Betrieb haben sie verboten.

Seit Juni ist der Südafrikaner David Bradfield mit von der Partie bei der Wildlife Conservation Society. Geld bekommt ihr Projekt aus Kabul, den Ökotourismus unterstützen aber auch die Aga-Khan-Stiftung und NZAID, die neuseeländische Entwicklungsagentur. Sie sehen großes Potenzial. Inzwischen haben die Dorfbewohner akzeptiert, dass der schlaksige Weiße unter ihnen lebt, erzählt er lachend, während er sein Handy aus der Astgabel eines jungen Baums klaubt. Der wächst an einem nach Urin stinkenden Rinnsal, an dem oberhalb gerade jemand seine Wäsche wäscht. Nur im Baum hat das Handy Empfang, er also Kontakt zur Außenwelt. Rahimy, Bradfield und ihr Team haben ambitionierte Pläne. Sie wollen alle 14 Dörfer an den Seen ins Parkgeschäft einbeziehen, Unterkünfte vom Campingplatz bis zur Nobelherberge bauen, Abenteuertouristen und Naturliebhabern Wander-, Kletter- und Treckingtouren, Paragliding, Vogelbeobachtung, im Winter auch Skitouren durch die Wildnis anbieten. Sogar einen Helikopterlandeplatz kann Bradfield sich vorstellen. Das sei nicht umweltschädlicher, als wenn alle in ihren Autos kämen. Ein Disney-Spielplatz soll das Reservat aber nicht werden. Bradfield denkt an einen Krügerpark. Die empfindlichen Travertinwände wollen sie mit Bohlen schützen, sonst würden sie bald zusammenstürzen. Der Parkeingang soll ein Stück außerhalb angelegt werden, schon dort sollen Besucher Informationen bekommen. Bisher weist nur der Findling auf den Nationalpark hin. Besucher werden sich verpflichten müssen, keinen Müll zu hinterlassen, Ranger patrouillieren. Bradfield und Rahimy wissen, es ist ein weiter Weg. Vor nicht allzu langer Zeit haben die Leute hier noch ihre Autos gewaschen.

Am Checkpoint winken sie uns auf der Rückfahrt zu. Unser Fahrer hält kurz daheim, stellt seine Familie vor. Ob wir nicht bei ihnen übernachten wollen? Mit dem schwindenden Licht des Tages hat uns das Tal der Buddhas wieder.

Das Tal der Buddha-Nischen. Im März 2001 erschütterte die Sprengung der weltweit größten Buddha-Statuen aus dem sechsten Jahrhundert durch menschenverachtende Taliban nicht nur Bamian, sondern die ganze Welt. Heute gilt das Tal rund 230 Kilometer westlich von Kabul mit der einzigen Gouverneurin Afghanistans als eines der ruhigsten des Landes. Nicht zuletzt, weil seine Bewohner, meist Hasara, sehr aufmerksam registrieren, wer sich in der Gegend aufhält, und jeden melden, der nicht hier hergehört. Das macht es Unruhestiftern von außen schwer, in das abgeschnittene Tal zu kommen. Taliban zwangen damals Bewohner, die Sprengladungen an den Buddhas anzubringen, viele wurden vertrieben. Für die Menschen hier gehören die verlorenen Statuen im roten Sandsteinmassiv aber weiter zu Bamian. Und das, obwohl vom großen, 55 Meter hohen Buddha nur noch ein Fuß in der mächtigen Nische steht und die Reste der Schwesterstatue (38 Meter) derzeit hinter einem verzweigten Baugerüst verschwunden sind. Die Lücken im Fels sind so mächtig, dass sie das Gefühl vermitteln, als wachten die Buddhas noch immer dort. Klein wie ein Wicht fühlt sich, wer unten neben den steinernen Zehen des großen Buddhas steht. In schwindelnder Höhe ist ein Loch im Fels, dort, wo der Kopf war. Was mag der Buddha gesehen haben?

Hintenherum kann man sich anpirschen. Eine halbe Stunde Geröll-Serpentinen hinauf, vorbei an Zeugnissen der langen kriegerischen Geschichte. Dann ein verzweigter Tunnel mit Gräben, die ehedem Holzstützen trugen, eine Ecke weiter schmale Holzplanken. Stopp. Hier muss es sein. Vorsichtige Drehung nach rechts, der Lohn fürs Klettern – ein gewaltiger Ausblick.

Das Herz geht auf: zauberhaftes Märchenland. Die ganze Weite des wie aus der Welt gefallenen Tals liegt einem zu Füßen. Saftige Alleen, tiefgrüne Kartoffelfelder, Weizenähren zu Bündeln geschnürt, beladene Esel und Mopeds am verlassenen alten Basar, lehmfarbene Mauern mit Zinnen, die Häuser umsäumen, im Hintergrund Fünftausender, auf deren Gipfeln auch jetzt im Sommer noch Schnee liegt. Ob es so im Paradies aussieht?

„Für mich ist das hier das wirkliche Afghanistan, nicht Helmand, Kandahar oder Kabul“, schwärmt Aga-Khan-Regionaldirektor Robert Thelen. Der Mann aus Montana wollte selbst erst gar nicht herkommen. „Es gibt nicht nur die Buddhas, auch die Seen, die Berge. Und wie die Menschen hier leben. Es hat zwar 30 Jahre Krieg gegeben, aber die Leute mussten doch ihr Leben führen, das ist für Leute aus der ganzen Welt interessant.“ Es ist ein hartes und armes Leben, denn die Volksgruppe der Hasara, die hier wohnen, ist praktisch immer vernachlässigt und oft genug verfolgt worden. Doch sie waren immer stolz. Hier in der Gegend können viele lesen und schreiben. Langsam geht es aufwärts in Bamian.

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