Afghanistan : Einsatz für deutsche Geisel

Das Bangen um die Afghanistan-Geisel geht weiter. Die Forderung der Entführer nach einem Truppenabzug lehnt die Bundesregierung ab. Kanzlerin Merkel betonte, man unternehme "alles Verantwortbare", um den noch in Geiselhaft befindlichen Mann frei zu bekommen.

André Spangenberg[ddp]
Angela Merkel
Angela Merkel zeigt Härte. Ein Truppenabzug ist für sie keine Option. -Foto: ddp

Berlin Die Bundesregierung bleibt im Afghanistan-Geiseldrama hart. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schloss aus, dass sich Deutschland den Entführern, die einen Abzug der deutschen Truppen verlangen, beugen werde. Rückendeckung erhielt die Bundesrepublik vom UN-Sondergesandten für Afghanistan, Tom Koenigs, der vor einem falschen Signal warnte. Derweil ging die Debatte um die künftige deutsche Afghanistan-Politik weiter.

Nach Angaben von Merkel befasste sich das Kabinett mit dem Entführungsfall. Sie betonte, die Bundesregierung unternehme "alles Verantwortbare", um den noch in Geiselhaft befindlichen Mann frei zu bekommen. Der Mitarbeiter des in Kabul ansässigen Unternehmens KBC-Kabul Berlin Corporation und ein Kollege waren am vergangenen Mittwoch in der Provinz Wardak, 100 Kilometer südwestlich der afghanischen Hauptstadt, verschleppt worden. Der kranke Rüdiger D. starb unter den Strapazen. Derweil wächst die Sorge um den Gesundheitszustand der zweiten deutschen Geisel. Die deutsche Botschaft hat nach Informationen des "ARD-Hauptstadtstudios" versucht, dem herzkranken Mann die erbetenen Medikamente zukommen zu lassen. Unklar sei, ob sie wirklich angekommen sind. Den letzten telefonischen Kontakt habe es am Sonntag gegeben. Inwieweit wirklich Taliban in den Entführungsfall involviert sind, ist weiter offen.

Frage nach dem "richtigen Weg" in Afghanistan

Die Bundesregierung rief zur Zurückhaltung bei Äußerungen der afghanischen Taliban auf. Diese seien "infame Propaganda", sagte Außenamtssprecher Martin Jäger. Die Stellungnahmen dieser "Propagandabeauftragten" seien durch die Entwicklung vor Ort nicht gedeckt gewesen, doch hätten die Meldungen "hierzulande eine große Wirkung" entfaltet, da die Taliban die Medienszene in Deutschland genau beobachteten. Vor dem Hintergrund des neuen Entführungsfalles mehren sich in der SPD die Zweifel, ob der eingeschlagene Weg in Afghanistan so weiterverfolgt werden kann.

Während der SPD-Abgeordnete Niels Annen das Mandat für die Anti-Terror-"Operation Enduring Freedom" (OEF) auslaufen lassen möchte, stellte seine Fraktionskollegin Ulla Burchardt den Einsatz der "Tornado"-Aufklärungsflugzeuge in Frage. Die SPD-Parlamentarierin Christel Humme fügte hinzu: "Wir benötigen eine intensive Debatte über die Sinnhaftigkeit des Afghanistan-Einsatzes." Merkel wies solche Teilrückzugsforderungen zurück. Die Verzahnung von ziviler mit militärsicher Hilfe werde fortgesetzt, betonte sie. Zugleich stellte sie eine "Überprüfung" der deutschen Afghanistan-Strategie für Herbst in Aussicht, wenn die Bundestagsmandate zur Verlängerung anstehen.

Ausweitung des Einsatzes steht zur Debatte

Allerdings wird vom Verteidigungsministerium eine Forderung von Militärexperten wie General a.D. Klaus Naumann nach Ausweitung des Einsatzes skeptisch beurteilt. Erst einmal sollte versucht werden, die Aufgaben zu optimieren, "die wir mit dem bisherigen Personal erfüllen können", sagte der parlamentarische Verteidigungs-Staatssekretär Christian Schmidt (CSU). Für den Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler (SPD), ist die "Diskussion noch nicht abgeschlossen". Zugleich schloss Erler eine Aufstockung der Bundeswehreinheiten in Afghanistan nicht aus. Dafür müsse aber ein "ähnlicher Überzeugungsprozess" wie beim Einsatz der Bundeswehr-Tornados stattfinden. Koenigs rief Deutschland zu einem größeren Engagement am Hindukusch auf. Diese zusätzliche Unterstützung sollte nach Ansicht des SPD-Wehrexperten Rainer Arnold vor allem in einer größeren Hilfe für die Polizeiausbildung bestehen. Der Sprecher des Bundeswehrverbandes, Wilfried Stolze, ergänzte, der Aufbau von Justiz und Verwaltung in Afghanistan müsse ebenso beschleunigt werden wie die Ausbildung der Polizei. 

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