Afghanistan-Einsatz : Schreckensbilanz am Hindukusch

Drei tote Soldaten, eine tote Geisel, ein immer noch entführter Bauingenieur und nun drei tote Polizisten. Für Deutschland waren die letzten drei Monate in Afghanistan eine Zeit des Schreckens. Und mit einem Ende der Taliban-Attacken auf Deutsche ist nicht zu rechnen - im Gegenteil.

Kristina Dunz,Christoph Trost[dpa]

Berlin Seit Beginn des Afghanistan-Engagements Anfang 2002 hat Deutschland eine solche Schreckensbilanz noch nicht erlebt. Noch schlimmer: Es wird befürchtet, dass die Taliban zunehmend gezielt Anschläge auf Deutsche in Afghanistan verüben werden, weil sie um die Wirkung auf die Bevölkerung in der Bundesrepublik wissen.

Die große Mehrheit der Deutschen lehnt den Einsatz schon lange ab. Viele verstehen nicht, dass - und wie - Deutschland am Hindukusch verteidigt werden soll. Im Bundestag steigt die Anzahl der Kritiker. Im Herbst entscheidet das Parlament über die drei Mandate für die Bundeswehr. Die Bundesregierung mahnt zur Besonnenheit. Aus ihrer Sicht gibt es keine Alternative zu der lebensgefährlichen Mission.

Am Mittwoch starben erstmals deutsche Polizisten in Afghanistan. Im Gegensatz zu Soldaten, die auf Befehl in den Einsatz gehen, herrscht bei der Polizei Freiwilligkeit. Bislang kamen in Afghanistan 25 Bundeswehrsoldaten ums Leben, 14 von ihnen durch Anschläge.

Rückzug oder weiter kämpfen?

Die einen sagen, Deutschland müsse sich aus den Militäreinsätzen zurückziehen, damit nicht noch mehr Landsleute getötet würden. Für die anderen ist der Tod der überwiegend jungen Männer auch Auftrag, die Mission so erfolgreich wie möglich zu beenden. Denn sonst bliebe nur Tod und Terror. Es gäbe nicht einmal den kleinen Trost, dass sie ihr Leben verloren, aber persönlich für Frieden sorgten in einem über Jahrzehnte von Krieg und Terror erschütterten Land.

Mit einem Scheitern der Nato in Afghanistan würde nach Ansicht der Bundesregierung den Taliban und Terroristen aus anderen Ländern wieder ein Rückzugsgebiet überlassen, von wo aus sie in aller Ruhe Anschläge auf die westliche Welt vorbereiten könnten. Die Formel lautet: Deutschland dürfe nicht warten, bis der Terror ins eigene Land komme, sondern müsse dort ansetzen, wo der Terror entstehe. Die gegenteilige Meinung ist: Terroristen könnten die Bundesrepublik gerade deshalb ins Visier nehmen, weil Deutschland sich in Afghanistan einmische.

Für Geheimdienstler ist das die falsche Logik. Sie sind sich sicher, dass sich die Haltung der deutschen Bevölkerung zum Afghanistan-Einsatz schlagartig ändern würde, wenn in Berlin, Frankfurt, München oder anderswo etwa ein voll besetzter Zug in die Luft gesprengt würde. Und die deutschen Nachrichtendienste sind sich sicher, dass mit einem übereilten Abzug aus Afghanistan dem Terror wieder Tür und Tor geöffnet wäre.

Lage in Afghanistan immer gefährlicher

Das grundlegendes Problem für die internationale Gemeinschaft ist aber, dass die Lage in Afghanistan trotz des US-geführten Anti- Terrorkampfs "Operation Enduring Freedom" (OEF) und der Mühen der Schutztruppe Isaf mit insgesamt annähernd 60.000 Soldaten immer instabiler und gefährlicher geworden ist. Über die Schwächen der Einsätze schweigen sich die Verantwortlichen oft aus.

So viel wurde bislang eingeräumt: Soldaten allein können keinen Frieden bringen. In Afghanistan würden viel mehr zivile Helfer und Polizisten gebraucht. Und: Afghanistans Zukunft hänge entscheidend davon ab, ob der Drogenanbau gestoppt werden kann.

Es sei keine Lösung, den Bauern die Felder und damit ihre Existenz zu zerstören. Denn wer keine Einnahmen hat, kann nicht überleben. Viele Afghanen seien so den Taliban in die Hände getrieben worden, heißt es. Der Drogenhandel floriert so gut wie kaum zuvor und hat enormen Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Für Drogen gibt es Geld und Waffen. "Aufkaufen wäre für die internationale Gemeinschaft allemal billiger", sagt ein Experte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die just am Mittwoch aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, verurteilte das Attentat auf die Polizisten als "schrecklichen Mordanschlag". Zum dritten Mal in kurzer Folge musste sie Angehörigen ihr Beileid aussprechen. So endete der politische Sommer so, wie er begonnen hatte: Mit dem Tod von Deutschen in Afghanistan.

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