Afghanistan-Einsatz : Sieg oder Sackgasse

Mit dem Kampfeinsatz in Helmand wachsen in Deutschland Zweifel an der neuen Afghanistan-Strategie.

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Unter Beobachtung. Ein französischer Soldat sichert einen kleinen Ort im Süden Afghanistans. -Foto: AFP

Berlin - Während Nato-geführte Truppen ihren Großangriff gegen die Taliban in Afghanistans Südprovinz Helmand fortsetzen, stößt die Operation in Deutschland zunehmend auf Kritik. „Diese Offensive führt in die Sackgasse“, sagte Otmar Steinbicker, ehemaliger Vorsitzender des Aachener Friedenspreises und Afghanistan-Experte der Organisation „Kooperation für den Frieden“, dem Tagesspiegel. Die groß angelegte „Operation Mostharak“ im Süden des Landes mit 15 000 Soldaten der Nato und der afghanischen Armee stehe einer friedlichen Lösung des Konfliktes entgegen. „Die Armee kann zwar einmarschieren, es wird aber schwierig, die Stellungen auch zu halten“, sagte Steinbicker. Auch die in den vergangenen Monaten vor allem von US-Streitkräften praktizierte gezielte Tötung von Talibanführern bringe die internationale Gemeinschaft in Afghanistan keinen Schritt weiter. „Das gefährdet potenzielle Friedensverhandlungen“, sagte Steinbicker. „Für eine friedliche Lösung braucht es Verhandlungsführer.“

Steinbicker setzt sich seit Monaten für einen Waffenstillstand mit den Taliban ein. Steinbickers Organisation, der mehr als 50 Friedensorganisationen in Deutschland angehören, hatte gemeinsam mit der Nationalen Friedens-Jirga Afghanistans bereits im Herbst 2009 Pläne für einen regionalen Waffenstillstand im Norden des Landes vorgelegt. Dort führt die Bundeswehr das militärische Kommando. Der Friedens-Jirga gehören rund 3000 paschtunische Stammesführer aus dem ganzen Land sowie Intellektuelle und afghanische Parlamentsabgeordnete an. Zuletzt hatten US-Spezialeinheiten in Nordafghanistan den hochrangigen Taliban-Kommandeur Kari Bashir getötet. Nach Informationen des Tagesspiegels war Bashir zu Gesprächen über einen Waffenstillstand bereit. Er hatte eine Gruppe von rund 70 Kämpfern befehligt, die Teile des Distrikts Khanabad östlich der Stadt Kundus kontrollierten. „Es könnte schwierig werden, nach Bashirs Tod einen gleichwertigen Verhandlungspartner zu finden“, sagte Steinbicker.

Auch Jürgen Heiducoff, ehemaliger militärischer Berater des deutschen Botschafters in Kabul, sieht die militärischen Entwicklungen am Hindukusch kritisch. „Die afghanische Regierung hat die Provinz Helmand nicht vollständig unter Kontrolle, vor allem in den Dörfern wird es schwierig, die Stellung zu halten“, erläutert er seine persönliche Einschätzung. Er fürchtet außerdem, dass die derzeit noch auf Helmand beschränkte Militäroffensive der Nato gen Osten ausgedehnt werden könnte – und der Widerstand auf Seiten der Taliban zunimmt. „Mehr Soldaten bedeuten mehr Gegenwehr.“

Am Wochenende verdichteten sich die Hinweise auf weitere Kämpfe. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete unter Berufung auf US-Regierungskreise, die Offensive in Helmand sei nur ein „taktisches Vorspiel“ für die Einnahme von Kandahar, die demnach noch in diesem Jahr geplant ist. Auch der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Samarai Baschari, sagte laut AFP, dass Kandahar vermutlich der nächste Schritt sei. Insgesamt werde der groß angelegte Vorstoß gegen die Taliban bis zu 18 Monate dauern.

Für eine Eskalation der Gewalt spricht auch der neuerliche Selbstmordanschlag in Kabul, bei dem am vergangenen Freitag mindestens 16 Menschen getötet wurden. Das Attentat, zu dem sich die Taliban bekannten, könnte als Antwort auf die Nato-Offensive „Mostharak“ in Helmand geplant worden sein – und als Versuch, den Kampf aus der Provinz, in der die Taliban militärisch unterlegen sind, in die Stadt zu tragen.

Jürgen Heiducoff hält die Ende Januar auf der Konferenz in London festgelegte neue Strategie zwar in der Theorie für gut, in der Praxis greife sie aber nicht, sagte er dem Tagesspiegel. Die internationale Gemeinschaft hatte in London den Schutz der afghanischen Zivilbevölkerung und eine verstärkte Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte als Ziele definiert. Doch deren Umsetzung erweise sich offenbar besonders im militärischen Bereich als Problem: Zahlreiche zivile Opfer im Zuge der Südoffensive zeigten, dass der Schutz der Zivilbevölkerung im Bewusstsein viele Soldaten noch nicht verankert sei. Auch seien die vor allem im Süden des Landes eingesetzten Marines der US-Streitkräfte „Mobmaschinen“, die auf Kampf gedrillt seien. Ein Waffenstillstand stehe nicht auf der US-Agenda: „Es gibt auf dieser Seite keine Bereitschaft, ernsthafte Verhandlungen zu führen.“

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