Afghanistan : Fatale Fehler

Experten kritisieren das bisherige Engagement des Westens in Afghanistan. Besonders die USA schieße über das Ziel hinaus.

Ruth Ciesinger[Berlin],Jan Dirk Herbermann[Genf]
Afghanistan
Nur zu Besuch: Verteidigungsminister Franz Josef Jung.Foto: dpa

Bevor die Nato Afghanistan verlässt, muss Kabul selbst Sicherheit und damit wirtschaftliche Entwicklung garantieren können. Das ist die grob gefasste Exit- Strategie der internationalen Gemeinschaft, ob sie langfristig umgesetzt wird oder zum Scheitern verurteilt ist, zu der Frage hatte die FDP-Bundestagsfraktion Experten aus Politik, Militär und Wissenschaft eingeladen. Mit verschiedenen Ansichten, aber einmal mehr dem Ergebnis: Soll Afghanistan trotz immer schlechterer Sicherheitslage doch noch ein Erfolg werden, muss viel mehr getan werden.

Unzureichende Ausbildung der Sicherheitskräfte, Korruption auf allen Regierungsebenen sowie schlechte Projektplanung der Geber wurden stark kritisiert. Solange Polizisten weniger als 20 Dollar im Monat verdienen würden, der Zentner Mehl aber 50 Dollar koste, werde es keine Sicherheit geben, so der Afghanistanexperte der TU Berlin, Nazir Peroz. Was die Polizeiausbildung betrifft haben nach Angaben von Brigadegeneral Erhard Bühler sogar Feldjäger der Bundeswehr hier Aufgaben übernommen. Thomas Ruttig von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin kritisierte zudem, von Beginn an seien die Afghanen ungenügend in den Aufbauprozess miteinbezogen worden.

Im Blick auf die Kritik in Deutschland am Vorgehen der US-Armee und deren Anti-Terroreinsatz „Operation Enduring Freedom“ (OEF) warnte Dirk Brengelmann aus dem Auswärtigen Amt davor, „OEF zu verteufeln“. OEF sei manchmal „notwendig, um Operationen der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) durchzuführen“. Die Isaf-Truppen dürfen anders als OEF nur im Fall eines Angriffes oder in Absprache mit den Afghanen gegen Rebellen vorgehen. Jeffrey Rathke von der US–Botschaft in Berlin störte sich ebenfalls an der deutschen Debatte und verwahrte sich gegen „Rambo- Vorwürfe“. Zivile Opfer seien oft auf Taktik der Taliban zurückzuführen, die die Menschen als „Schutzschilder“ missbrauchten.

Doch es kommt auch zu fatalen Fehlern. Bei einem Anti-Terroreinsatz im Osten töteten US-Soldaten laut örtlicher Behörden sieben Polizisten. Ein Hubschrauber mit afghanischen und US-Soldaten sei am Montagabend in der Provinz Nangarhar gelandet. Polizisten einer Wache hätten ihre Taschenlampen auf den Helikopter gerichtet, woraufhin die US-Soldaten das Feuer eröffnet hätten.

In Genf wies der Operationschefs des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Pierre Krähenbühl, auf die immer schlechtere Lebenssituation der Afghanen hin: Anschläge der Taliban sowie Flächenbombardements der Nato- Streitkräfte würden weiter ansteigen. „Die Zivilisten leiden schrecklich“, sagte Krähenbühl und forderte, diese besser zu schützen. Laut IKRK tobten Gefechte inzwischen auch im Norden und Westen des Landes. Im Süden und Osten verschärften sich die Kämpfe. Helfer hätten immer mehr Probleme, medizinische Hilfe für Verletzte in entlegenen Regionen zu leisten. „Diejenigen, die am nötigsten Hilfe brauchen, sind am schwersten zu erreichen“, so Krähenbühl.

Die Zahl der gefangenen Kämpfer sei stark gestiegen. 2006 besuchten IKRK- Inspekteure etwa 2400 Personen in Lagern der Regierung und der internationalen Streitkräfte. Allein in den ersten drei Monaten von 2007 aber inspizierten sie Haftbedingungen von fast 7000 Menschen.

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