Afghanistan : Flipcharts und Kriegsherren

Afghanischer Wahlkampf: Die UN machen Werbung – und Amtsinhaber Karsai schmiedet Bündnisse und fordert die Taliban auf sich zur Wahl zu stellen.

Ulrike Scheffer

Berlin - Hamid Karsai kämpft um seine Zukunft. Kürzlich rief er sogar die Taliban über das Radio auf, an der kommenden Wahl teilzunehmen, statt diese durch Terroranschläge zu torpedieren. Dies sei die einzige Möglichkeit, dem afghanischen Volk zu dienen, erklärte der Präsident. Am 20. August will Karsai wiedergewählt werden, 43 Mitbewerber wollen ihn herausfordern. Sie alle sind bereit, ihr Leben zu riskieren. Welche Kandidaten tatsächlich antreten dürfen, will die Wahlkommission heute bekannt geben.

Viele Afghanen wissen allerdings nicht einmal, dass im Sommer gewählt wird. Deshalb ziehen derzeit 1600 von den Vereinten Nationen ausgebildete Trainer durch das Land. Ihr Auftrag lautet: 100 Menschen pro Tag über die Präsidentschafts- und Provinzwahlen zu informieren. Im Gepäck haben sie ein Flipchart mit elf Seiten, auf denen erklärt wird, wer wählen darf, was genau zur Wahl steht und wie der Urnengang abläuft. Auch dass jeder frei entscheiden darf, für welchen Kandidaten er stimmt, erklären die Helfer, denn das ist im Jahr 2009 in Afghanistan keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Offenbar ist die Kampagne erfolgreich. Nach UN-Angaben haben sich bereits 4,5 Millionen Neuwähler registrieren lassen, acht Millionen der insgesamt rund 25 Millionen Afghanen hatten sich bereits bei der letzten Wahl in die Listen eingetragen.

„Die Registrierung ist gut gelaufen“, sagt auch Alema Alema, die für den Deutschen Entwicklungsdienst Friedens- und Versöhnungsprojekte in Afghanistan koordiniert. Anders als vor fünf Jahren habe es nur selten Einschüchterungsversuche gegeben, um besonders Frauen daran zu hindern, sich registrieren zu lassen. Dass in der Provinz Logar sogar 70 Prozent aller eingetragenen Wähler Frauen sind, macht Alema indes misstrauisch: „Hier könnte manipuliert worden sein. Frauen haben meist kein Foto auf ihrer Wahlkarte, ihre Karten können daher später leicht missbraucht werden“, erklärt sie.

Die meisten Wähler dürften ohnehin den Autoritäten ihres Dorfes oder Clans folgen. Für die Kandidaten sind politische Allianzen mit Lokalfürsten daher wichtiger als öffentliche Wahlkampfauftritte. Amtsinhaber und Favorit Hamid Karsai tourt derzeit durch die Provinz, um Bündnisse zu schmieden. Und die machen deutlich, dass „er einen großen Willen hat, an der Macht zu bleiben“, wie Bente Aika Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung in Kabul sagt. Mit dem früheren Kriegsherren Abdul Raschid Dostum, einem ethnischen Usbeken, und Haji Mohammed Mohaqiq, der einen großen Teil der Minderheit der Hazara hinter sich versammelt, konnte der Präsident bereits zwei mächtige, aber nicht unumstrittene Persönlichkeiten auf seine Seite ziehen. Als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten hat er zudem Mohammed Qasim Fahim nominiert. Auch der ist ein berüchtigter Kriegsherr und Kriegsverbrecher. Da Fahim jedoch ebenso wie Karsais wichtigster Herausforderer, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, der Nordallianz angehört, könnte er das Oppositionslager spalten.

Karsai kämpft mit harten Bandagen. Mitbewerber Ashraf Ghani Ahmadzai, früher Finanzminister, erhebt schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten. Ende Mai wurden zwei Anhänger Ghanis bei einer Wahlveranstaltung in Kandahar von Polizeikräften zusammengeschlagen. Die Stadt südlich von Kabul gilt als Einflusssphäre der Familie Karsai. Ghani vermutet daher, der Zwischenfall sei eine Warnung des Präsidenten an ihn. „Wenn Sie denken, solche Ereignisse werden uns dazu bringen, das Feld zu räumen, dann sage ich Ihnen, das wird niemals passieren“, sagte Ghani bei einer Pressekonferenz an die Adresse des Amtsinhabers. Und das ist erst der Beginn des Wahlkampfs.

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