Afghanistan : Freies Geleit für die Extremisten

Barack Obama will so schnell wie möglich raus aus dem Hexenkessel am Hindukusch. Deshalb suchen die USA fieberhaft nach einer Friedenslösung für Afghanistan und billigen auch Verhandlungen mit den Taliban.

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Blutiger Alltag. US-Soldaten stehen am Sonntag vor den Trümmern, die eine Explosion vor dem Hauptquartier der Polizei in Kandahar hinterlassen hat. Bei dem Anschlag wurde mindestens ein Mensch getötet. Foto: Ahmad Nadeem/Reuters
Blutiger Alltag. US-Soldaten stehen am Sonntag vor den Trümmern, die eine Explosion vor dem Hauptquartier der Polizei in Kandahar...Foto: REUTERS

Noch im Februar hatten Pakistan und die USA seine Festnahme als spektakulären Schlag gegen die Taliban bejubelt. Nun, acht Monate später, hat Islamabad den Taliban-Kommandeur Mullah Abdul Ghani Baradar angeblich klammheimlich wieder auf freien Fuß gesetzt. Und Washington hat dies offenbar ebenso klammheimlich gebilligt. Dies berichtet zumindest der Internet-Dienst „Asia Times online“, der über gute Drähte nach Pakistan verfügt. Die Freilassung Baradars, sofern die Nachricht stimmt, zeigt, dass man das Endspiel in Afghanistan einläuten will. Sowohl Pakistan als auch die USA hoffen offenbar, dass Baradar, der als vergleichsweise moderat gilt, eine Schlüsselrolle im Friedensprozess am Hindukusch spielen könnte. Er gilt als Nummer zwei hinter Taliban-Chef Mullah Omar, der sich in Pakistan versteckt hält.

Afghanistans Präsident Hamid Karsai hatte jüngst offiziell bestätigt, dass es Gespräche mit den Taliban gibt. Das war weder neu noch ein Geheimnis, wie US-Medien weismachen wollten. Das Neue ist, dass die USA diesmal offenbar hinter Karsais Bemühungen stehen. Isaf-Kommandeur David Petraeus erklärte, man habe „hochrangigen Taliban-Vertretern“ sogar freie Fahrt gewährt, um nach Kabul zu kommen. Ob diese Vertreter von Mullah Omar autorisiert waren, ließ der US-General unbeantwortet. Auch Afghanistans Nachbarland Pakistan gab grünes Licht: Man unterstützte die Gespräche zwischen Karsai und den Taliban, hieß es.

Karsais Spielraum ist aber begrenzter, als es den Anschein hat. Formal überlassen die USA und Pakistan zwar Karsai und dem von ihm einberufenen „Friedensrat“ die Kontakte, aber im Hintergrund beanspruchen beide Länder das letzte Wort bei einem möglichen Friedensdeal. Mit der Festnahme Baradars hatten sie Karsai unmissverständlich klargemacht, dass es keine Gespräche ohne ihren Segen geben wird. So hatten Pakistans Geheimdienst ISI und sein US-Pendant CIA Baradar am 8. Februar in der pakistanischen Hafenstadt Karachi festgenommen – nur wenige Wochen vor Karsais Friedensjirga. Damit hatten sie Karsais bereits seit Monaten laufende Vorgespräche kurzerhand blockiert. Dies hatte zu schweren Verwerfungen geführt.

Angeblich soll Pakistan Baradar die vergangenen Monate über pfleglich behandelt haben. Unklar ist, ob durch die Festnahme Baradars Glaubwürdigkeit gelitten hat und er die Rolle als Unterhändler von Mullah Omar spielen kann. Laut „Asia Times online“ haben die Taliban bestätigt, dass Baradar „sicher bei seinen Leuten“ eingetroffen sei. Petraeus tönte derweil, dass „sehr hochrangige“ Taliban-Anführer auf die afghanische Regierung und andere Länder zugekommen seien. Damit wollen die USA offenbar den Eindruck erwecken, die Taliban seien kriegsmüde.

Es scheint aber eher umgekehrt, dass die USA fast verzweifelt bemüht sind, die Taliban an den Verhandlungstisch zu holen – einerseits, indem sie den militärischen Druck verstärken. Andererseits haben sie angeblich Saudi-Arabien gebeten, bei den Rebellen anzuklopfen. Die Obama-Regierung will so schnell wie möglich raus aus dem Hexenkessel am Hindukusch. Der Krieg wird immer unpopulärer, teurer und blutiger: Obgleich nunmehr 150 000 ausländische Soldaten im Einsatz sind, werden sie der Taliban nicht Herr. Die im Februar laut angekündigte „Großoffensive“ im Süden kommt kaum voran, bereits jetzt ist 2010 das mit Abstand verlustreichste Jahr für die Nato-geführte Truppe Isaf. Insgesamt kamen seit Jahresanfang mindestens 580 ausländische Soldaten ums Leben.

Der frühere US-Diplomat und Bush-Berater Robert Blackwill ist überzeugt, dass die Regierung von US-Präsident Barack Obama spätestens im Sommer 2011 eingestehen muss, dass ihre Strategie gescheitert ist. Derweil sehen sich die Taliban auf der Siegerstraße. In Flugblättern verbreiten sie munter, dass sie bald an die Macht zurückkehren werden. Obama selbst hat den Eindruck geschürt, dass der Westen Afghanistan verloren gibt, als er ankündigte, die USA würden Mitte 2011 mit dem Abzug ihrer Truppen beginnen. Dies raubte auch seiner Strategie viel an Glaubwürdigkeit. Die Taliban können nun versuchen, den Westen einfach auszusitzen.

Für die Supermacht USA geht es nun vor allem darum, eine gesichtswahrende Lösung zu finden, um nicht – wie einst die Russen – völlig gedemütigt aus Afghanistan abzuziehen. Washington ist offenbar bereit, nach neun Jahren Krieg und tausenden Toten die Taliban in irgendeiner Form an der Macht zu beteiligen. Ob die Taliban darauf eingehen, bleibt abzuwarten. Ein weiterer Störfaktor ist das mächtige Haqqani-Netzwerk, das seine Basis im pakistanischen Nord-Waziristan hat und von dort immer wieder in Afghanistan zuschlägt. Pakistans Militär sträubt sich bisher, das Netzwerk und seine Führung ernsthaft anzugehen. Islamabad hofft, sich nach Abzug der ausländischen Truppen über das Haqqani-Netzwerk Einfluss am Hindukusch zu sichern. Verärgert verstärkten die USA daraufhin in den vergangenen Monaten massiv ihre Drohnenangriffe auf Nord-Waziristan, was zu harschen Misstönen mit Islamabad führte.

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