Afghanistan : Gefahr im Abzug

Sie haben Angst. Vor den Taliban oder sogar der eigenen Verwandtschaft. Afghanische Übersetzer fürchten Rache, wenn die Bundeswehr das Land verlässt. Die sagt: Wir lassen unsere Leute nicht im Stich. Und tatsächlich können viele nun auf ein Visum hoffen.

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Ein deutscher Soldat und sein Dolmetscher (rechts) im Einsatz.
Ein deutscher Soldat und sein Dolmetscher (rechts) im Einsatz.Foto: dpa

Am frühen Abend steht Abdul Balkhi (Name geändert) vor dem hohen Stahltor, das ein kleines Gästehaus in Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans umgibt. Wie alle Hotels, in denen vor allem Ausländer übernachten, meist Entwicklungshelfer oder Journalisten, wird es bewacht. Balkhi steht etwas abseits der Wachleute mit ihren alten Kalaschnikows und tritt nervös auf der Stelle. Als Afghane kann er nicht einfach hinein, er könnte ja ein Selbstmordattentäter sein, obwohl die selten wie er im Anzug erscheinen.

Der Abzug der Bundeswehr versetzt die Übersetzer in Angst

Wenige Stunden zuvor sah aber auch Balkhi noch ganz anders aus. Da war er in einer deutschen Uniform unterwegs, denn er arbeitet als Übersetzer für die Bundeswehr, die in Masar-i-Scharif ihren größten Stützpunkt im Land hat. Balkhi gehört zu jenen Ortskräften, die fürchten, nach dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan verfolgt zu werden. Von Taliban, aber auch von Nachbarn oder Verwandten. Weil sie als Abtrünnige betrachtet werden, die mit den Besatzern, den Ungläubigen, gemeinsame Sache machen; oder schlicht, weil sie gut verdienen.

Balkhi fühlt sich schon jetzt bedroht, weshalb er sich nicht zu Hause verabreden wollte. Und nicht bei Tageslicht. Mit einem Ausländer will er in der Stadt lieber nicht gesehen werden. Mit einer Frau schon gar nicht. „Das erregt zu viel Aufsehen“, sagt er am Telefon.

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Masar-i-Scharif boomt

Das Gästehaus dagegen liegt am Stadtrand, dort, wo jetzt viele neue Häuser entstehen, Villen mit Säulen und Satellitenschüsseln im Garten. Und mit hohen Mauern. Auch wenn die meisten der rund 270 000 Einwohner der Stadt noch immer in einfachen, oft armen Verhältnissen leben, in staubigen Vierteln ohne feste Straßen, wo sich schmucklose Ziegelhäuser aneinanderreihen, gilt Masar-i-Scharif als aufstrebende Stadt. Die Taliban konnten hier nie dauerhaft Fuß fassen, der Handel mit den zentralasiatischen Nachbarn wie Tadschikistan oder Usbekistan blüht und bringt Waren, Öl und Geld in die Stadt. Die Märkte sind voll mit billigen asiatischen Plastikprodukten, Kleidern, mit Gemüse, Pistazien und Mandeln. Auf den Straßen fahren Mopeds, die drei Räder und hinten eine Ladefläche haben.

Doch Masar-i-Scharif ist keine orientalische Märchenstadt. Deshalb die Wachleute vor dem Hotel. Da Balkhi von einem Gast in Empfang genommen wird, kümmern die sich allerdings nicht weiter um ihn, und das Piepsen des Metalldetektors der Sicherheitsschleuse in einem Container hinter dem Metalltor beachtet ohnehin niemand. Als Abdul Balkhi schließlich den verwaisten Frühstücksraum im Keller betritt und sich in einen der tiefen Sessel fallen lässt, lächelt er zum ersten Mal. Mit den schwarzen halblangen Haaren und dem offenen weißen Hemd unter dem braunen Sakko sieht er aus wie ein Student aus Südeuropa. Auch sein Deutsch hat einen südlichen Einschlag. Gelernt hat er es nach einer langen Flucht, die ihn als Jugendlichen ganz allein von Afghanistan zunächst nach Moskau und später mithilfe von Schleppern in die Alpen führte. Wo genau er in Europa lebte, möchte er lieber nicht veröffentlicht wissen, denn auch die Bundeswehr soll möglichst nicht nachvollziehen können, wer Abdul Balkhi wirklich ist.

Der Job als Übersetzer für die Bundeswehr bringt gutes Geld

„Offiziell dürfen wir mit der Presse nicht sprechen“, erklärt er. Dieses Verbot bezieht sich zwar vor allem auf Details zum Einsatz der deutschen Truppen, doch Balkhi will seine Chefs nicht verärgern. „Die waren immer fair und nett zu mir“, sagt er. 15 Jahre alt sei er gewesen, als er nach Europa kam, erzählt er. „Meine Familie war in verschiedenen Ländern verstreut.“ Er machte eine Ausbildung bei McDonald’s und brachte es zum stellvertretenden Restaurantleiter. Doch 2010 ging er nach Afghanistan zurück, ließ sein Asyl verfallen, weil seine Frau, die er 2005 bei einem Besuch in Afghanistan geheiratet hatte, kein Visum für sein damaliges Gastland bekam.

Seither begleitet Abdul Balkhi deutsche Soldaten im Norden Afghanistans, hilft ihnen bei der Ausbildung afghanischer Soldaten und Polizisten. Ein Job, der gutes Geld einbringt für den heute 28-Jährigen, seine Frau und ihre gemeinsame Tochter, die noch keine zwei Jahre alt ist. Rund 600 bis 800 US-Dollar verdient ein Übersetzer bei der Bundeswehr, deutlich mehr als ein Lehrer. Doch wer mit den ausländischen Soldaten im Land unterwegs ist, riskiert auch viel. Sprengfallen, Selbstmordanschläge, Gefechte. Wo die Nato-Truppen angegriffen werden, sind auch ihre Übersetzer meist mitten drin.

Hoffnungen auf Sicherheit durch Nato-Einsatz

„Natürlich war uns klar, dass diese Arbeit gefährlich ist, aber wir hatten gehofft, dass sich die Sicherheitslage durch den Einsatz der Nato verbessern wird und wir dann in Frieden hier leben können“, sagt Balkhi. Dass das gute Gehalt auch ein Motiv war, zu den Deutschen zu gehen, verhehlt er nicht. „Viele der deutschen Soldaten gehen doch auch nur in den Einsatz, weil sie dann mehr Geld verdienen.“ Glücklicherweise, so sagt er, sei er mit der Bundeswehr nie in gefährliche Situationen geraten. Viele seiner mehr als 300 Kollegen schon.

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