Afghanistan : Gewaltausbruch in Kabul

Ein Zusammenstoß eines US- Militärlastwagens mit Zivilfahrzeugen hat die schwersten Ausschreitungen in Kabul seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 ausgelöst.

Kabul - Mindestens 20 Menschen seien bei den anti-amerikanischen Unruhen getötet und zahlreiche weitere teils schwer verletzt worden, meldete die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok. Eine offizielle Bestätigung der Opferzahlen gab es zunächst nicht. Unterdessen wurden die schweren Gefechte in Südafghanistan mit einem US-Luftangriff fortgesetzt, bei dem nach afghanischen Angaben mindestens 50 radikal-islamische Taliban-Kämpfer getötet wurden.

Bei dem Unfall in Kabul kam nach US-Angaben ein Zivilist ums Leben. In einer Mitteilung von Präsident Hamid Karsai war dagegen von fünf Toten die Rede. Die amerikanischen Streitkräfte teilten mit, mindestens aus einem Armeefahrzeug heraus sei über die Menge hinweg geschossen worden, als diese nach dem Unfall begann, sich feindlich zu verhalten. Ein Augenzeuge sagte dagegen, die Soldaten hätten in die Menge geschossen. Karsai forderte die US-geführten Koalitionstruppen auf, den Vorfall zu untersuchen und zu erklären.

Der Sprecher der Vereinten Nationen in Afghanistan, Adrian Edwards, sagte: «Es ist klar, dass eine Tragödie passiert ist.» Er rief ebenso wie Karsai zur Ruhe auf. Ungeachtet der Appelle zogen rund 2000 Menschen in Richtung Innenstadt. Demonstranten skandierten «Tod für Amerika». Über Kabul stiegen Rauchwolken auf. Randalierer warfen Steine. Läden wurden geschlossen. Menschen flohen von den Straßen. Polizeiautos und Polizeiposten wurden in Brand gesteckt. In der Stadt waren Schüsse zu hören. Randalierer griffen eine Fernsehstation und ein westliches Restaurant an.

UN setzen Arbeit aus

Die Vereinten Nationen setzten ihre Arbeit in Kabul vorübergehend aus. Alle US-Soldaten in der afghanischen Hauptstadt wurden zurück in ihr Hauptquartier beordert. Die rund 1400 Bundeswehr-Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf in Kabul waren nach Angaben des Einsatzführungskommandos in Potsdam nicht von den Unruhen betroffen. Isaf-Sprecher Luke Knittig sagte, die Nato-geführte Schutztruppe nehme die Lage sehr ernst und habe Schutzmaßnahmen ergriffen.

US-Luftangriff: 50 Taliban-Kämpfer getötet

Pajhwok meldete unter Berufung auf die Provinzregierung Helmands, bei dem US-Bombardement in der Provinz seien 50 bis 60 Kämpfer der Taliban getötet worden. Unter den Toten seien Anführer der Rebellen. Der kanadische Rundfunksender CBC berichtete, bei einem Angriff der Taliban in Helmands Nachbarprovinz Kandahar seien am Montag fünf kanadische Soldaten teils schwer verletzt worden. Beim anschließenden Schusswechsel wurden laut CBC bis zu sechs Taliban getötet.

Während es in Kabul verhältnismäßig ruhig blieb, ist es im Süden Afghanistans in den vergangenen zwei Wochen zu den schwersten Gefechten seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 gekommen. Mehr als 350 Menschen starben, darunter auch mehrere ausländische Soldaten. Die USA wollen die Zahl der Koalitionssoldaten im Süden Afghanistans abbauen, dafür soll die Isaf dort mehr Verantwortung übernehmen. Derzeit sind rund 19.000 US-Soldaten in Afghanistan, diese Zahl soll bis etwa August auf 16.500 sinken.

Die momentan etwa 9000 Soldaten umfassende Isaf will im Gegenzug 6000 zusätzliche Soldaten aus Kanada, Großbritannien und den Niederlanden in der Unruheregion stationieren. Im Rahmen der Operation Enduring Freedom bekämpfen die Amerikaner in Afghanistan Al-Qaida-Terroristen und Anhänger der Taliban. Auftrag der Isaf ist dagegen die Stabilisierung der Sicherheit in Afghanistan.

Im Rahmen der Isaf-Mission sind derzeit 2850 deutsche Soldaten am Hindukusch stationiert. Deutsche Soldaten sollen nicht in den Süden. Die Bundeswehr übernimmt stattdessen am Donnerstag das Kommando über die Isaf im gesamten Norden Afghanistans. Der Schwerpunkt des deutschen Einsatzes wird dafür von Kabul ins nordafghanische Masar-i-Scharif verlegt. Dort baut die Bundeswehr derzeit ihr größtes Feldlager außerhalb Deutschlands.

(tso/dpa)

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