Afghanistan : Gouverneur von Kundus kritisiert die Bundeswehr

Nach dem Tod von mindestens fünf afghanischen Soldaten durch Beschuss der Bundeswehr hat der Gouverneur der Provinz Kundus eine bessere Koordination der Militäreinsätze gefordert. Mohammed Omar sagte, der Tod der Afghanen hätte vermieden werden können.

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Berlin - Nach dem Tod von mindestens fünf afghanischen Soldaten durch Beschuss der Bundeswehr hat der Gouverneur der Provinz Kundus eine bessere Koordination der Militäreinsätze gefordert. Dass die deutschen Soldaten auf Fahrzeuge der afghanischen Armee gefeuert hätten, sei auf „einige Missverständnisse“ zurückzuführen, sagte Gouverneur Mohammad Omar. Künftig müssten ausländische und afghanische Truppen daher vorsichtiger agieren und sich bei Militäroperationen dieser Art untereinander besser abstimmen.

Wenige Stunden nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten bei einem Feuergefecht mit radikal-islamischen Taliban am Karfreitag hatten Deutsche im Unruhedistrikt Char Darah nach Angaben der Bundeswehr fünf afghanische Sicherheitskräfte erschossen. Die getöteten Soldaten seien nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Weg aus dem Kampfgebiet gewesen, um Verpflegung heranzuschaffen, sagte Omar. Nach Angaben der Bundeswehr bewegten sich zwei zivile Fahrzeuge auf eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten zu. Die Afghanen hielten nicht an, um sich überprüfen zu lassen. Daraufhin eröffnete ein deutscher Schützenpanzer das Feuer auf eines der Fahrzeuge. Erst später habe sich, so ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam, herausgestellt, dass es sich um Wagen der Afghan National Army (ANA) gehandelt habe.

Nach Omars Ansicht hätte der Tod der afghanischen Soldaten vermieden werden können. „Die Fahrzeuge mit den Soldaten waren leicht zu erkennen, es handelte sich um zwei Ford Ranger mit auf der Ladefläche befestigten Waffen“, sagte Omar und fügte hinzu: „Diese Autos kennt doch jeder.“

Die Bundesregierung reagierte bestürzt auf die Vorfälle in der Region Kundus. Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte am Samstag mit Afghanistans Präsident Hamid Karsai. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg unterbrach seinen Urlaub in Südafrika. „Ich bin in Gedanken bei den Familien der Gefallenen und den verwundeten Soldaten und deren Familien“, sagte der CSU-Politiker der „Bild am Sonntag“. Trotzdem sei er davon überzeugt, „dass der Einsatz in Afghanistan noch notwendig ist“. Er wisse aber auch, „wie wenig das diejenigen zu trösten vermag, die ihren Sohn, Partner, Ehemann, Bruder oder Vater verloren haben“. Den Aufständischen warf er vor, den Karfreitag absichtlich „für diese heimtückische Aktion“ gewählt zu haben.

Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagte Guttenberg, „im Krieg wie in kriegsähnlichen Zuständen“ zeige die bittere Erfahrung, „dass solche Vorfälle nie vollends auszuschließen sind“. Ein Taliban-Sprecher kündigte neue Angriffe an: „Sollten die Deutschen weiterhin in Afghanistan bleiben, werden sie weitere Todesopfer erleiden.“

Auch die Opposition reagierte mit Betroffenheit. Die Linke bekräftigte ihre Forderung nach einem Abzug. „Wir fordern Bundesregierung und Bundestag auf, die Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan zu beenden“, sagte Linke-Chef Oskar Lafontaine. SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold sagte dem Tagesspiegel, im Angesicht solch „tragischer Ereignisse“ dürften sich die politisch Verantwortlichen diese Diskussion nicht immer wieder neu aufzwingen lassen. „Die Herausforderungen, Risiken und Gefahren sind doch bekannt“, sagte Arnold. „Unsere Gedanken sollten jetzt bei den Gefallenen und ihren Familien sein.“ Auch Grünen-Politiker Winfried Nachtwei, bis September 2009 Mitglied des Verteidigungsausschusses im Bundestag, warnte vor davor, „jetzt hinzuschmeißen“. 115 von 123 Distrikten im deutschen Verantwortungsbereich dürften als befriedet gelten, acht seien Kriegsgebiete, sagte Nachtwei dem Tagesspiegel. Allerdings handle es sich bei fünf dieser acht Distrikte um den wichtigen, „für alle Seiten strategisch bedeutsamen Raum rund um Kundus“. Den aufzugeben wäre ein Fehler, sagte Nachtwei, denn „das hieße, die Nordregion, die noch Chancen und Entwicklungsperspektiven hat, auch noch runterzureißen.“ mit dpa/ddp

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