Politik : Afghanistan: Granaten, gefälschte Papiere und ein Labor

Ashwin Raman

Karta Parwan ist ein ruhiger Vorort von Kabul. Seit etwa drei Jahren wohnten hier Mitglieder der Al Qaida mit ihren Familien. Sie kamen aus Tschetschenien, Jemen, Saudi-Arabien und Ägypten. Vor sechs Monaten zog Abu Dajal in ein zweistöckiges Haus des Viertels. Dajal fiel durch seine Größe, seine helle Hautfarbe und den langen braunen Bart auf. Außerdem sprach er kein Arabisch. Dajal war ein Deutscher, der zum Islam bekehrt war. Der pakistanische Geheimdienst ISI kannte ihn als "Martin aus Beelafeld" (vermutlich Bielefeld). In dem Haus in Kabul wohnte er zusammen mit dem Ägypter Abu Harith. Am vergangenen Dienstag wurden sie auf der Flucht von Nordallianz-Kämpfern gefasst und gelyncht.

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Eine Durchsuchung des Hauses ergab überraschende Erkenntnisse. Das Erdgeschoss wurde als Wohnraum genutzt. Der Weg zur ersten Etage war mit einer Kette versperrt, mit dem Hinweis in Dari-Sprache: "Zutritt verboten". Hier entdeckten die Soldaten der Nordallianz Gewehre, Granaten, Schreibpapier mit dem Briefkopf des UNHCR sowie gefälschte Stempel für Visa der Länder Pakistan, Italien, Indien und Malaysia. Vor allem fanden die Soldaten aber ein Labor zur Herstellung von biologischen und chemischen Waffen: Ampullen voller Nitroglyzerin, Zyanid und das hochgiftige Ricin. Detaillierte Dokumente zum Zusammenbau diverser Bomben wurden auch gefunden, zum Teil mit handschriftlichen Notizen. Hier wurde beschrieben, wie man einfache Haushaltsgegenstände wie Alka Seltzer-Röhrchen, Kondome, Mäusefallen und Zigaretten zur Herstellung von Bomben einsetzen kann. Falls Glyzerin nicht vorhanden sei, wurde "Ghee" empfohlen - Butterschmalz.

"Auf dem Weg zum Martyrium"

Unter den diversen Pamphleten und Büchern entdeckte man auch "Vom Kriege" von Carl von Clausewitz (1780-1831). Der Grundgedanke des preußischen Militärtheoretikers: "Der Krieg ist eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln." An einer Pinwand in der Wohnung hing ein Zettel mit den Worten: "Der Schmerz, den man auf dem Weg zum Martyrium fühlt, ist nicht größer als ein Bienenstich."

Die Nachbarn empfanden Dajal und Harith als "höflich, aber distanziert". Man begegnete den beiden nur beim Einkaufen. Der Gemüsehändler Humayun sagte: "Sie waren immer freundlich und zahlten sofort. Anders als die Pakistaner." Auffallend in dem Haus war aber ein ständiges Kommen und Gehen von Fremden. Man sah oft Autos mit pakistanischen Nummernschildern.

Es gibt zwei Interpretationen der Ereignisse des Fluchttages. Entweder mussten die Al Qaida-Mitglieder so schnell fliehen, dass sie die Unterlagen nicht rechtzeitig vernichten konnten. Oder die Unterlagen wurden mit Absicht hinterlassen, um Angst zu verbreiten. Viele Experten halten die letztere Version für plausibel. In Jalalabad in Ost-Afghanistan, wurden am Freitag Einrichtungen in ähnlichem Zustand gefunden. Die "Darunta Base", am Ufer des Flusses Kabul, ist dem US-Geheimdienst nicht unbekannt. Es wurden 18 Fässer voller Giftstoffe und mehrere Flaschen mit Säure gefunden. In einem Stapel voller wissenschaftlicher Unterlagen, offenbar aus dem Internet heruntergeladen, fand man Telefonnummern und Adressen von Chemikalien- und Waffenherstellern. Und eine Empfehlung: "Um erfolgreich zu sein, muss man bereit sein, Selbstmord zu begehen. Nur mit dieser Einstellung kann man das Ziel erreichen."

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