Politik : Afghanistan: Helfer suchen Hilfe

Elke Windisch

Die Sorge um die christlichen Helfer in Afghanistan wächst. Vier Deutsche von der Hilfsorganisation "Shelter-Germany" hält die Religionspolizei der radikal-islamischen Taliban immer noch fest. Wer den hungernden und Not leidenden Menschen in dem von der Taliban-Miliz geknechteten Land zu helfen versucht, steht schon mit einem Bein im Gefängnis. Wer gar den Versuch unternimmt, zu missionieren, dem droht nach Angaben einiger Quellen sogar die Todesstrafe. Ob die Deutschen hiervon betroffen sind, war am Dienstag unklar.

Im vergangenen Jahr hatten die Taliban ein Edikt erlassen, wonach jeder Moslem, der den Glauben wechselt, und Ausländer, die dazu Hilfe leisten, mit dem Tode bestraft werden. Ein Dekret von Januar schreibt wiederum die Todesstrafe nur für Afghanen vor, die vom Islam abfallen. Das Auswärtige Amt setzt sich für die Freilassung der Helfer ein und hat einen Krisenstab eingerichtet. Das Gefängnis der Geiseln wird Dar-ul-Tahdi genannt - die Reformschule. Grafik: Afghanistan Die Familie eines der Helfer, eines deutschen Projektleiters, ist inzwischen in Pakistan in Sicherheit. "Die Frau und die beiden Kinder sind in Peshawar angekommen", sagte Esteban Witzemann von der Organisation "Shelter-Germany" am Dienstag. Die Taliban werfen den Mitarbeitern der Organisation vor, Muslime zum Übertritt zum Christentum verleitet zu haben. In der Wohnung eines afghanischen Mitarbeiters wurden angeblich Bibeln gefunden. Taliban-Polizisten wollen außerdem Disketten mit christlicher Propaganda sichergestellt haben.

Der stellvertretende Taliban-Führer Mohammed Salim erklärte im Radio, die Inhaftierten hätten ihre "verbrecherischen Handlungen" bereits gestanden, Reue gezeigt und um Verzeihung gebeten. Experten befürchten, dass solche Geständnisse unter Folter erpresst wurden.

Viele Organisationen fragen sich, ob sie noch weiter in Afghanistan arbeiten können. Sie tun es, weil die Bevölkerung zu leiden hätte, wenn sie weggingen. Afghanistan steht nach 22 Jahren Krieg am Abgrund. Die Menschen verhungerten nach der Dürre, sie erfroren in Flüchtlingslagern, sie starben an der Vitaminmangelkrankheit Skorbut.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk stellte seine Aktivitäten in Nordafghanistan mittlerweile weitgehend ein, weil seine Mitarbeiter beschossen wurden. Eine amerikanische Organisation, die kleine Bäckereien in dem von den Taliban kontrollierten Gebiet aufbaute, stellte das Projekt im vergangenen Jahr ein, weil es den dort beschäftigten Frauen verboten wurde zu arbeiten. Zunehmend lehnen die Taliban auch Hilfe aus anderen islamischen Staaten ab. Sogar Ärzte der Organisation Islamic Relief wurden kürzlich zurückgeschickt - obwohl seit Juli eine Cholera-Epidemie wütet, die nach Erkenntnissen der Exilregierung mit Sitz im tadschikischen Duschanbe bereits über 600 Menschenleben gefordert hat.

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