Afghanistan : Hydra Taliban behält die Oberhand

Vier Jahre nach dem Sturz der Taliban nehmen Anschläge und Unzufriedenheit zu. Die Ausdehnung der ISAF-Schutztruppe auf den Süden des Landes könnte angesichts der jüngsten Gefechte zum Debakel für die internationale Gemeinschaft werden.

Neu Delhi/Kabul - Viereinhalb Jahre ist der Sturz der Taliban in Afghanistan her, doch die Gotteskrieger verbreiten wieder verstärkt Terror und Schrecken. Die jüngsten Kämpfe und Anschläge mit möglicherweise mehr als 100 Toten - die Gefechte gehörten zu den schwersten seit dem Ende des Schreckensregimes - beweisen, dass die Rebellen längst nicht besiegt sind. Im Gegenteil: Eher scheinen sie erstarkt zu sein. Die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert sich immer weiter. Dramatisch ist sie im Süden, wo die Internationale Schutztruppe ISAF bald Verantwortung übernehmen soll. Und nicht nur die Gewalt, auch die Unzufriedenheit unter den Afghanen wächst.

Man sei «völlig in der Lage dazu, diesen Feind zu besiegen», hieß es in der Mitteilung, die die US-Armee am Donnerstag nach einem Gefecht in der südafghanischen Provinz Kandahar verschickte. Das mag punktuell stimmen - wo immer es zu Zusammenstößen mit den US-geführten Koalitionstruppen kommt, haben die Taliban die weitaus höheren Opfer. Doch immer mehr erinnern die Offensiven und Bombardements an den Kampf mit der Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwuchsen: Den Rebellen scheint es an Ersatz für ihre gefallenen Kämpfer nicht zu mangeln. Sie geben nicht auf, sondern haben stattdessen ihre Taktik verändert.

Die zunehmende Zahl der Selbstmordanschläge in Afghanistan - alleine am Donnerstag waren es zwei - sei «sehr Besorgnis erregend», sagt ein westlicher Spitzendiplomat in Kabul. «Die Sicherheitslage wird unfreundlicher», meint einer seiner Kollegen aus einem anderen europäischen Land. Selbst im verglichen mit dem Süden friedlicheren Norden Afghanistans, wo die Bundeswehr in Masar-i-Scharif derzeit ihr größtes Feldlager außerhalb Deutschlands aufbaut, gilt die Situation als «eindeutig nicht ruhig und nicht stabil».

«Die Leute in den Provinzen werden zunehmend unzufrieden und fallen Drohungen und Lockungen eher anheim», sagt der europäische Diplomat. «Da muss mehr Geld, mehr Entwicklung, mehr Sichtbares hin.» Besonders in den Unruheprovinzen fehlt die Friedensdividende, die sich die Menschen erhofft hatten. Ein Teufelskreis: Wegen der unsicheren Lage haben sich Hilfsorganisationen immer weiter besonders aus dem Süden zurückgezogen. Der Wiederaufbau dort kommt daher kaum voran, und die Frustration darüber treibt die Menschen den Rebellen in die Arme - die die Region weiter destabilisieren.

Die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft bekommen die Probleme des Landes trotz aller Bemühungen nicht in den Griff. Es gehe nicht richtig voran in Afghanistan, klagt der europäische Diplomat. Die Korruption habe «endemische» Ausmaße. Hinzu komme «die langsame, aber systematische Islamisierung», die ihn erschrecke.» Auch der Schlafmohnanbau nimmt in diesem Jahr wieder zu. Vom Drogenhandel sollen auch die Taliban profitieren.

Nun steht die internationale Gemeinschaft vor einer weiteren gefährlichen Bewährungsprobe: Der Ausdehnung der ISAF in den Süden, wo bislang die US-geführten Koalitionstruppen gegen Taliban und Anhänger des Terrornetzes El Kaida kämpfen. Die jüngsten Gefechte in Kandahar und in der Nachbarprovinz Helmand dürften der ISAF einen Vorgeschmack auf das geliefert haben, was ihre Soldaten aus Kanada, Großbritannien und den Niederlanden dort vom Sommer an erwartet - wenn die US-Soldaten beginnen, ihre Truppen im Süden zu reduzieren.

Die Taliban sollen bereits angekündigt haben, die kanadischen und europäischen Soldaten besonders ins Visier zu nehmen. Ihre Strategie, so wird in diplomatischen Kreisen in Kabul befürchtet: Die Opferzahl in die Höhe zu treiben und so den politischen Druck in den Heimatländern zu erhöhen, die Soldaten aus der Unruheregion abzuziehen. Sollten die Rebellen das Gefühl bekommen, damit Erfolg haben zu können, wäre das das schlimmste denkbare Szenario, sagt der EU-Sonderbotschafter Francesc Vendrell. «Die Botschaft muss sehr deutlich sein: Wir werden uns nicht zurückziehen.» (Von Can Merey, dpa)

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