Politik : Afghanistan: In der Falle

Markus Frenzel,Ulrike Scheffer

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Kenzo Oshima Sorgen um die afghanische Bevölkerung macht. Bereits im Februar war der Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen (UN) an den Hindukusch gereist. Als er in einem Lager in den Bergen kampierte, suchte ihn am Abend eine Gruppe alter Afghanen auf. Die Männer baten ihn, alles ihm mögliche zu tun, damit endlich wieder Friede in dem geschundenen Land einkehre. "Als ich mir die Sorgen der Menschen anhörte", erinnert sich Oshima, "kamen mir die Tränen". Seitdem versucht der Japaner, der Bitte der alten Männer nachzukommen. Erst am Donnerstag reiste er nach Berlin, wo er der Sondersitzung einer humanitären Unterstützergruppe für Afghanistan beiwohnte, der 15 Staaten, UN-Organisationen, die EU-Kommission und das Rote Kreuz angehören. Bei dem Treffen im Auswärtigen Amt entschied sich die Bundesregierung, ihre Hilfsgelder auf 51 Millionen Mark aufzustocken.

Die Hilfe ist bitter nötig. Seit dem Angriff auf die USA fliehen Afghanen in die Nachbarstaaten. "Die genaue Zahl kenne ich nicht. Jedoch dürften einige Zehntausend das Land bereits verlassen haben", sagt Oshima. Zwei Millionen Menschen befänden sich innerhalb des Landes auf der Flucht. Sie versuchten entweder über die Staatsgrenzen oder aber zumindest aus den Städten auf das Land zu fliehen. Bei massiven Bombardements könnte die Zahl gar auf 7,5 Millionen ansteigen, schätzt Oshima. "Im schlimmsten Fall könnten einige Millionen das Land verlassen."

Wie schon zu Beginn des Afghanistankrieges, als 1979 sowjetische Truppen in das Land einfielen, fliehen die Menschen vor allem nach Pakistan und Iran. Allein in Pakistan leben mehr als zwei Millionen Flüchtlinge der vergangenen Krisen. Das Land hat seine Grenzen zu Afghanistan inzwischen geschlossen und will sie nur im Fall eines Angriffs auf das Nachbarland wieder öffnen. Die UN drängen Pakistan jedoch, die Menschen sofort aufzunehmen. "Diejenigen Afghanen, die Sicherheit suchen, müssen fliehen können", sagt Oshima.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bereitet vorsorglich Aufnahmelager für eine Million Menschen im pakistanischen Grenzgebiet vor. "Wir müssen aber auch versuchen, für die Menschen in Afghanistan selbst etwas zu tun", sagt Alex Renton von der Hilfsorganisation Oxfam International in Islamabad. Obwohl alle ausländischen Helfer Afghanistan verlassen haben, brachte Oxfam kürzlich 1500 Tonnen Lebensmittel über Turkmenistan in das Land, die von lokalen Mitarbeitern verteilt wurden. "Selbst wenn wir die Verteilung nicht mehr hundertprozentig kontrollieren können und möglicherweise Hilfsgüter in die Hände der Taliban gelangen, sollten wir Lebensmittel schicken. Sonst werden bald die ersten Menschen verhungern", sagte Renton dem Tagesspiegel. Nach 20 Jahren Krieg und zuletzt 3 Dürrejahren steht Afghanistan vor einem Desaster. Bis zu den Anschlägen in den USA lieferten die UN dem Land wöchentlich 5000 Tonnen Lebensmittel. Ausgerechnet vor dem Winter ist die Hilfe nun zusammengebrochen.

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