Afghanistan : In der Hand fremder Mächte

Zwei Geiseln sind frei – doch Afghanistans Präsident Hamid Karsai steht schon jetzt als Verlierer fest.

Ulrike Scheffer

Berlin - Am frühen Montagnachmittag kam die erlösende Nachricht: Die Taliban haben zwei südkoreanische Geiseln freigelassen. Doch die Geiselkrise in Afghanistan ist damit nicht beendet. 19 Südkoreaner befinden sich weiter in der Hand brutaler Entführer, und auch der deutsche Ingenieur Rudolf B. ist noch immer nicht frei. Er setzte am Montag einen Hilferuf per Telefon ab. Wie immer das Drama ausgehen wird, Afghanistans Präsident Hamid Karsai scheint die Kontrolle über die Situation zu entgleiten.

Immer wieder hatte Karsai betont, einen Deal mit den Geiselnehmern werde es – diesmal – nicht geben. Als im März der italienische Journalist Daniele Mastrogiacomo verschleppt worden war, hatte Italiens Premier Romano Prodi den Präsidenten so lange unter Druck gesetzt, bis dieser auf die Forderungen der Entführer einging und im Tausch gegen Mastrogiacomo fünf Taliban-Anführer aus der Haft entließ. Damals wurde Karsai heftig kritisiert. Er habe sich erpressbar gemacht, warfen ihm westliche Geheimdienste und Beobachter vor. Kriminelle, Taliban und Al-Qaida-Terroristen würden durch solche Aktionen zu neuen Verbrechen ermutigt. In Afghanistan selbst wurde ihm angelastet, sich zu wenig für den afghanischen Fahrer des Journalisten und seinen Übersetzer eingesetzt zu haben. Beide waren von den Geiselnehmern ermordet worden.

Deshalb wollte der afghanische Präsident diesmal alles richtig machen. Doch es kam anders: Nachdem die Bilder der blutüberströmten Leiche des zweiten ermordeten Koreaners um die Welt gingen, hielt Seoul dem Druck im eigenen Land nicht mehr stand, nahm selbst Kontakt zu den Entführern auf und schaffte es, zwei Frauen der Missionarsgruppe freizubekommen. Ob das Land im Gegenzug Lösegeld zahlte oder politische Zugeständnisse machte, ist unklar. Taliban-Sprecher Kari Jussuf Ahmadi sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Treffen zwischen Vertretern der Taliban und den südkoreanischen Unterhändlern über die Freilassung der verbleibenden 19 Geiseln dauerten an. Man hoffe „bald auf ein positives Ergebnis“.

Hamid Karsai hat das eigenmächtige Vorgehen in jedem Fall geschadet. Er steht nun da wie ein zahnloser Tiger, der von ausländischen Mächten herumgestoßen wird.

Berlin hält sich bislang mit eigenen Aktionen zurück. Die Regierung vertraue auf das Verhandlungsgeschick Kabuls, so die offizielle Sprachregelung. Doch die aktuellen Ereignisse werfen Fragen auf. So beklagte sich der deutsche Ingenieur Rudolf B. in einem Telefongespräch mit der Nachrichtenagentur AFP, das letzte Telefonat mit der deutschen Botschaft liege eine Woche zurück. „Ich habe seitdem nichts von Ihnen gehört“, sagte die mutmaßliche Geisel. Demnach gibt oder gab es zumindest Kontakte zwischen deutschen Stellen und der Geisel, möglicherweise auch Kontakte zu den Entführern.

Zufall oder nicht. Ausgerechnet am Montag sprach sich die Bundesregierung überraschend für eine Beteiligung von Taliban am Wiederaufbau Afghanistans aus. Für die Versöhnung in dem kriegszerstörten Land könne die Regierung in Kabul nicht auf deren Ausschluss setzen, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Vielmehr müssten „moderate, vernünftige“ Vertreter, die am Wiederaufbau und an Aussöhnung interessiert seien, miteinbezogen werden.

Als SPD-Chef Kurt Beck nach einem Besuch in Afghanistan im Frühjahr ähnlich argumentierte, hagelte es Kritik vom Koalitionspartner: Von „abenteuerlichen Vorstellungen“ war da gar die Rede. „Der Vorschlag ist nicht sonderlich durchdacht“, sagte etwa der CDU/CSU-Außenexperte Eckart von Klaeden. Die radikalen Islamisten an den Verhandlungstisch zu holen, „wäre eine internationale Aufwertung der Taliban, die die Autorität der gewählten Regierung von Präsident Hamid Karsai beschädigen würde“.

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