Politik : Afghanistan: Interview: "Es muss schnell ein zweites Treffen in Afghanistan geben"

Kommt die Bonner UN-Konferenz für Afghanistan

Ahmed Rashid berichtet seit Jahren aus Zentralasien. Der in Pakistan lebende Journalist gilt als einer der besten Kenner Afghanistans.

Kommt die Bonner UN-Konferenz für Afghanistan zu spät?

Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Prozess früher in Gang gekommen wäre. Tatsache ist doch, dass die amerikanische Militärstrategie im ersten Monat nach dem Beginn der Bombardements am 7. Oktober ohne politische Strategie dastand. Der gegenwärtige Friedensprozess hätte schon während der amerikanischen Angriffe beginnen müssen - noch bevor Kabul fiel. Jetzt ist es aber für die verschiedenen Gruppierungen und Volksstämme in Afghanistan Zeit, eine Vereinbarung für eine Übergangsregierung zu treffen.

Aber längst nicht alle Afghanen sind in Bonn vertreten.

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Die Bonner UN-Konferenz ist vom Westen überschätzt worden. Ich glaube nicht, dass diese Konferenz direkt zur Gründung einer Übergangsregierung in Afghanistan führen kann. Aber die Konferenz wird immerhin den Beginn eines politischen Prozesses in Afghanistan markieren. Ich glaube, dass es sehr schnell ein zweites Treffen auf afghanischem Boden wird geben müssen. Bei diesem Treffen müssen dann alle Warlords und Führer der Volksstämme dabei sein. Derzeit steht die Volksgruppe der Paschtunen noch ohne echte Führung da. Das wird sich ändern, je schneller die Amerikaner die Stadt Kandahar einnehmen und Osama bin Laden fangen.

Sollen gemäßigte Taliban an einer Übergangsregierung beteiligt werden?

Sobald sich das politische Chaos auf dem Gebiet der Paschtunen gelegt hat, werden zahlreiche Führer unter den Anti-Taliban-Paschtunen an die Öffentlichkeit treten. In dieser Situation wird man auch keine Taliban-Vertreter mehr brauchen.

Welche Rolle spielt der ehemaligen König Sahir Schah?

Er hat eher eine symbolische Funktion. Aber er stellt auch eine Brücke für alle Volksgruppen dar. Aber ich bin extrem enttäuscht davon, dass Sahir Schah in den letzten zwei, drei Wochen diese Rolle kaum ausgefüllt hat.

Die Nordallianz hat in Afghanistan gerade mit der Einnahme der Stadt Kundus ihren wichtigsten militärischen Sieg errungen. Kann die Nordallianz aber Afghanistan zusammenhalten?

Die Nordallianz hat für Frieden und Stabilität in Kabul gesorgt, ohne die Bevölkerung zu tyrannisieren. Zweitens hat die Nordallianz im ganzen Land versucht, mit den Taliban zur Aufgabe ihrer Positionen zu verhandeln, anstatt sie anzugreifen. In den Gebieten, die sich unter ihrer Kontrolle befinden, haben die Soldaten der Nordallianz möglichst wenig Gewalt angewandt, um die Taliban zur Aufgabe zu zwingen.

Gilt diese Haltung wirklich für die gesamte Nordallianz?

Die Nordallianz-Führer, die Kabul regieren, sind Tadschiken. Sie vertreten eine neue Politiker-Generation, wie sie übrigens auch unter den Paschtunen existiert. Bei der UN-Konferenz in Bonn geben nun Vertreter dieser Generation einander die Hand. Sie alle eint die gemeinsame Vision eines vereinigten und friedlichen Afghanistan.

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