Politik : Afghanistan: Interview: "Jetzt sind wir besonders gefordert"

Die Welthungerhilfe kann ihre Hilfsprojekte in Afg

Ingeborg Schäuble (58), die Ehefrau von Wolfgang Schäuble, ist seit 1996 Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe. In ihrer Amtszeit erhöhte sich das Spendenvolumen von 39 Millionen Mark auf 64 Millionen Mark im vergangenen Jahr.

Die Welthungerhilfe kann ihre Hilfsprojekte in Afghanistan jetzt weiter ausbauen. Sie kennen das Land noch aus eigener Anschauung. Welche Eindrücke sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

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Ich war 1997 dort, wir haben mit der Welthungerhilfe neben vielem anderen in Kabul Häuser wieder aufgebaut. Sie waren zuerst von den Russen, dann von den Mujahedin zerstört worden - jetzt ist die Stadt wieder vom Krieg gezeichnet. Wir unterhielten auch ein Programm zum Entleeren von Latrinen, denn die dortige Stadtverwaltung war dazu nicht in der Lage. Die Krankenhäuser waren auch damals schon schlecht versorgt, es klappte überhaupt nichts. Die Taliban waren bis an die Zähne bewaffnet, Frauen wurden verprügelt. Ich selbst habe mich für die Gespräche den Landessitten gemäß verschleiert, oder zumindest meine Haare mit einem Schal verdeckt.

Damals konnten Sie nicht ahnen, dass Sie mit Ihrer Organisation heute erneut ein umfassendes Hilfsprogramm starten würden. Was genau ist geplant?

Wir sind seit 1994 in Afghanistan tätig und waren es auch noch nach dem 11. September. Allein in diesem Jahr haben wir für rund 9,5 Millionen Mark Hilfe geleistet: Flüchtlinge versorgt, Brunnen gebaut und Saatgut geliefert. Jetzt sind wir besonders herausgefordert. Seit Anfang November haben wir 800 Tonnen angereichertes Weizenmehl von Tadschikistan aus nach Afghanistan gebracht und im Norden verteilt. Zudem werden wir weitere 1,3 Tonnen Mehl schon einmal an die Landesgrenze bringen. In Dschalalabad haben wir Bewässerungsprojekte und bauen 250 Brunnen, auch gemeinsam mit einheimischen Mitarbeitern. Von Kabul aus wollen wir Lebensmittel und Saatgut verteilen. Auch in Mazar-i-Sharif gibt die Welthungerhilfe Weizen und Speiseöl aus. Ab Dezember wollen wir 50 000 Kinder in Zentral-Afghanistan mit Hochenergienahrung versorgen. Sie sehen, es gibt jede Menge zu tun, und wir sind auf Spenden angewiesen.

Die Lage im Land ist sehr unübersichtlich. Wird Ihre Hilfe die Bedürftigen erreichen?

Ja, selbstverständlich. Wir arbeiten seit sieben Jahren in diesem Land und kennen die Gegebenheiten. Wir wissen, welche Regionen vermint sind und welche Straßen man ohne Gefahr nutzen kann. Ebenso wichtig ist, dass uns die Menschen in den Projektregionen kennen und vertrauen. Sie wissen: Wir werden auch in Afghanistan bleiben, wenn der Medienrummel vorbei ist.

Auf der ganzen Welt hungern 800 Millionen Menschen. An einer Stelle helfen Sie - da geschieht woanders schon die nächste Katastrophe. Ist Ihre Arbeit nicht oft frustrierend?

Gegen Naturkatastrophen ist niemand gefeit. Aber wenn beispielsweise Bürgerkriege wie in Angola oder auch der Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea unsere Bemühungen wieder zunichte machen, dämpft das schon. Aber die Menschen brauchen uns. Deswegen werden wir nie aufgeben.

Sie legen Wert darauf, sich die Lage vor Ort anzusehen, und nehmen Strapazen in Kauf.

Die Menschen hungern ja nicht in den Städten, sondern in Gebieten, die schwer zu erreichen sind. Ich war gerade in Eritrea. Wir sind da Stunden durch Bachläufe gefahren, immer vorbei an riesigen Steinen. Was gesundheitliche Risiken angeht: Ich lasse mich regelmäßig gegen die wichtigsten Krankheiten impfen.

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