Afghanistan : Kanadischer Frust

Viele in Kanada haben genug vom Kampf ihrer Soldaten in Südafghanistan – und sind sauer auf Deutschland. Die Akzeptanz für die Sonderrolle bröckelt.

Lars von Törne[Ottawa]

Sie haben die Nase voll. „Unsere Soldaten haben genug gekämpft, jetzt müssen andere Länder ran – wie Deutschland“, fordert Denis Coderre. „Es ist an der Zeit, die deutsche Sonderrolle in Afghanistan zu beenden – die Nato kann es sich auf Dauer nicht leisten, dass für jedes Land andere Regeln gelten“, sagt der verteidigungspolitische Sprecher der kanadischen Liberalen im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Wie der einstige Minister denken in Kanada derzeit viele. „Wieso sollen die Kanadier die Schmutzarbeit erledigen, während die Deutschen ihr empfindliches Gewissen pflegen?“, ätzte der einflussreiche Kommentator Marcus Gee in der größten kanadischen Tageszeitung „The Globe and Mail“. Ihn ärgerte besonders, dass der Einsatz der kanadischen Armee im umkämpften Süden Afghanistans – mit mehr als 70 toten kanadischen Soldaten – vor kurzem von deutscher Seite als vorbildlich gelobt wurde; Berlin aber gleichzeitig wegen der schwierigen innenpolitischen Vermittelbarkeit darauf beharrt, die Bundeswehr nicht ins von Kanada, den USA, Australien und den Niederlanden kontrollierte Kriegsgebiet um Kandahar zu schicken, sondern im vergleichsweise ruhigen Norden zu lassen. „Wir brauchen keine Dankbarkeit, wir brauchen Hilfe“, schreibt Gee.

Um die zu bekommen, appellierte Ottawas Verteidigungsminister Peter MacKay kürzlich bei einer Europareise an Nato-Partner wie Deutschland, Frankreich und Italien, es nicht auf Dauer bei ihrem Einsatz im Norden Afghanistans zu belassen. Er griff damit auf, was der Verteidigungsausschuss des Parlaments in Ottawa bereits vor einem halben Jahr mit den Stimmen von drei der vier Parlamentsparteien beschlossen hat. Die konservative Minderheitsregierung von Ministerpräsident Stephen Harper spürt einen wachsenden Druck aus der Bevölkerung. Zwei Drittel der Kanadier, deutlich mehr als in früheren Umfragen, wollen, dass der Afghanistaneinsatz nicht über die bisher gesetzte Frist vom Februar 2009 hinaus fortgeführt wird. Das ermittelte jetzt das Meinungsforschungsinstitut Angus Reid. Und der Hälfte der Befragten geht sogar das nicht schnell genug, sie fordern einen Abzug vor 2009. Der Ruf der Politiker nach mehr Engagement anderer Nato-Länder wird von fast zwei Drittel der Befragten geteilt: 67 Prozent der Kanadier denken, dass ihr Land einen zu großen Anteil an der Afghanistanmission schultert, an der insgesamt 37 Nato-Staaten beteiligt sind. Anders als in Deutschland sehen zugleich viele Kanadier den Afghanistaneinsatz prinzipiell als erfolgreich an. Mit 54 Prozent der Befragten befanden mehr Kanadier als je zuvor, dass der Einsatz ihrer Armee den Afghanen helfe.

Wie eng für die kanadische Regierung zivile Hilfe und der von den USA mithilfe der Nato-Partner geführte „War on Terror“ direkt miteinander verbunden sind, zeigt derzeit auch eine gut besuchte Afghanistanausstellung im staatlichen Kriegsmuseum in Ottawa. Dort wird ungeschminkt gezeigt, wie kanadische Soldaten im Süden kämpfen und welche Opfer sie bislang gebracht haben. Aber es wird auch um Geduld für die Aufbauarbeit nach dem Sturz der Taliban geworben. “

Inzwischen werden sogar Forderungen nach einem unbedingten Rückzug aus Südafghanistan immer lauter, unabhängig davon, was Deutschland und die anderen Alliierten tun, um Kanada zu ersetzen. Stéphane Dion, Chef der Liberalen Partei, kündigte kürzlich an, bei der für kommendes Frühjahr geplanten Parlamentsabstimmung in Ottawa für einen Abzug der Kanadier nach 2009 zu votieren – selbst wenn bis dahin kein anderer Nato-Partner bereit ist, die Kanadier im Süden Afghanistans zu ersetzen. Damit wollen Politiker wie Dion vor allem innenpolitisch punkten, angesichts sich verdichtender Zeichen für eine baldige Parlamentswahl in Kanada ein nicht zu unterschätzender Faktor der aktuellen Afghanistandebatte. Trotzdem halten politische Insider die Forderung nach einem schnellen Rückzug für bloße innenpolitische Rhetorik. „Realistisch ist der Rückzug Kanadas aus dem Süden keine Option, solange nicht andere Länder nachrücken“, sagt Andrew Cooper, Afghanistanexperte am Forschungsinstitut CIGI, das die kanadische Regierung berät. „Das Risiko ist einfach zu groß, dann alles zu verlieren, was Kanada dort aufgebaut hat.“

Aller Kritik am Bündnispartner zum Trotz: Es gibt auch Kanadier, die den Bundeswehr-Einsatz als Vorbild sehen. „Deutschland macht es genau richtig“, sagt Dawn Black, verteidigungspolitische Sprecherin der linken NDP, dem Tagesspiegel. Die Politikerin lobt die Aufbauhilfe und Ausbildungsprogramme der Deutschen in Afghanistan und findet: „Die Sicherheit im Land muss gewährleistet werden, aber das erreicht man nicht durch Kriegseinsätze im Süden, sondern durch diplomatischen Druck auf Nachbarländer wie Pakistan und durch zivile Aufbauarbeit.“ Sie appelliert an die Deutschen, bei den anstehenden Bundestagsabstimmungen im Oktober und November die Mandate für den Bundeswehr-Einsatz zu verlängern, ansonsten aber dem Druck der kriegsführenden Nato-Partner zu widerstehen.

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