Afghanistan : Karsai verspricht dem Westen alles

Im Einklang mit den USA peilt der afghanische Präsident Abzug ausländischer Truppen bis 2013 an und will Korruption bekämpfen. Wie ernst es Karsai damit ist, ist unklar. Der Westen wartet gespannt darauf, wen er in sein neues Kabinett bestellt.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]
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Der Schwur. Hamid Karsai bei der Vereidigung am Donnerstag in Kabul. -Foto: dpa

Alle hatten sie ihn ins Gebet genommen. Zuletzt hatte ihm US-Außenministerin Hillary Clinton nochmals ins Gewissen geredet. Drei Monate nach der fragwürdigen Wahl in Afghanistan wurde Hamid Karsai am Donnerstag für weitere fünf Jahre als Präsident vereidigt – und sagte brav, was der Westen hören wollte. In Teilen wirkte seine Antrittsrede fast so, als habe Washington ihm die wichtigsten Stichwörter in den Block diktiert. Der 51-jährige sicherte zu, dass er Korruption und Drogenhandel schärfer bekämpfen werde. „Wir werden neue Wege im Kampf gegen die Korruption gehen“, versprach er, wie immer elegant in afghanische Landestracht gewandet, vor zahlreichen in- und ausländischen Gästen. „Korruption ist ein gefährlicher Feind des Staates. Wir müssen aus den Fehlern der vergangenen acht Jahre lernen.“

Aufhorchen ließen Karsais Worte zu Taliban und Truppenabzug. „Wir werden die Rolle der internationalen Truppen verringern“, sagte Karsai. Die Verantwortung für Unruhegebiete solle schon in den nächsten drei Jahren und die für das ganze Land binnen fünf Jahren an die afghanischen Sicherheitskräfte übergehen. Dies deckt sich wohl kaum zufällig mit jüngsten Äußerungen von US-Präsident Barack Obama. Dieser möchte den Krieg am Hindukusch gerne noch während seiner Zeit im Weißen Haus beenden. „Ich würde es vorziehen, nichts dem nächsten Präsidenten zu hinterlassen", sagte Obama, der den Afghanistankonflikt von seinem Vorgänger George W. Bush geerbt hat. Obamas Amtszeit endet 2013. Zwar könnte sich Obama dann zur Wiederwahl stellen, aber da diese nicht sicher wäre, kann man seine Worte wohl nur so deuten, dass er in viereinhalb Jahren den Konflikt gelöst haben will.

Doch Karsai, der bereits seit 2002 Präsident Afghanistans ist, musste nicht nur das westliche Publikum besänftigen. Er musste vor allem auch das eigene Volk zufriedenstellen. „Das Ende der Kämpfe ist unsere höchste Priorität und das größte Bedürfnis der Menschen“, sagte er. Er rief nicht nur die Opposition und seinen Rivalen Abdullah Abdullah zur Zusammenarbeit auf, sondern streckte auch den Taliban die Hand entgegen. Er kündigte an, eine Loja Dschirga, eine große Ratsversammlung, einberufen zu wollen, um Frieden zu bringen. Dies wurde als Gesprächsangebot an die Aufständischen gedeutet. Die Loja Dschirga gilt laut Verfassung als „höchste Manifestation des Willens des afghanischen Volkes“.

Karsais Vereidigung markiert das Ende eines monatelangen Wahldebakels, das immer mehr zur Lachnummer verkommen war. Vor allem der Westen stand vor dem heimischen Publikum blamiert da, weil er die Wahlen zum Erfolgsausweis für den Einsatz am Hindukusch hochgejubelt hatte. Aber am Ende blieb dem Westen kaum etwas anderes übrig, als mit Karsai zusammenzuarbeiten, da dieser trotz massiven Wahlbetrugs immer noch den meisten Rückhalt im Volk genießt. An der Zeremonie im hochgesicherten Präsidentenpalast nahmen Würdenträger aus 40 Ländern teil.

Zahlreiche westliche Minister hatten in den Vorwochen den Druck auf Karsai erhöht, etwas gegen die wuchernde Korruption zu tun. Laut Transparency International ist Afghanistan inzwischen das zweitkorrupteste Land der Welt, geschlagen wird es nur noch von Somalia. Wie ernst es Karsai damit ist, die Korruption zu bekämpfen, ist unklar. Im Westen wartet man gespannt darauf, wen er in sein neues Kabinett bestellt, das wird viel aussagen. Clinton machte zivile Aufbauhilfe davon abhängig, dass Karsai die Korruption entschlossener angeht. Karsai und seine Regierung hätten nun ein Zeitfenster, um zu beweisen, dass sie das Leben der Menschen verbessern würden, sagte Clinton. Sie ließ aber offen, wie Karsai das bewerkstelligen soll. Die meisten Hilfsgelder laufen über ausländische Firmen und Organisationen. Karsai bat darum, mehr Gelder über die afghanische Regierung fließen zu lassen.

Das Verhältnis zwischen Karsai und dem Westen war in den vergangenen Monaten auf den Gefrierpunkt gesunken. Kaum verhohlen hatte der US-Sondergesandte Richard Holbrooke vor der Wahl am 20. August Karsais Rivalen Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani hofiert. Holbrooke scheint inzwischen allerdings politisch auf dem Abstellgleis, zumindest tritt er in jüngster Zeit in der Afghanistandebatte kaum noch in Erscheinung.

Aus Angst vor Anschlägen war die afghanische Hauptstadt am Donnerstag wie ausgestorben, überall waren Straßensperren errichtet, Hubschrauber kreisten über der Stadt. Und die Zeremonie fand im Präsidentenpalast statt, der eher einer Festung gleicht.

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