Politik : Afghanistan: Land ohne Hoffnung

Elke Windisch

Apathisch erwartet die Mehrheit der Afghanen ihr Schicksal: Während sich die letzen Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisation in die pakistanische Hauptstadt Islamabad ausfliegen lassen oder das Land in gepanzerten Landrovern verlassen, herrscht auf dem Basar von Kabul business as usual. "Ist doch egal, woher die Bomben fliegen", sagte ein Gemüsehändler dem russischen Fernsehen. Dass eines Tages keine Bomben mehr fliegen könnten, liegt nach der Invasion der Sowjets im Dezember 1979 und dem anschließenden Bürgerkrieg außerhalb jeder Vorstellungskraft. Mehr als eine ganze Generation ist im Kugelhagel aufgewachsen und gewohnt, einen tagtäglichen Kampf ums Überleben zu kämpfen.

In einer Erhebung, die das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung von insgesamt 174 Staaten weltweit erfasst, rangiert Afghanistan auf Platz 169. Die afghanische Wirtschaft in Zahlen zu fassen, berichtet die Weltbank in ihrer jüngsten Untersuchung, sei fast unmöglich, weil es seit Jahren nur Mutmaßungen und keinerlei Statistik gäbe. "Das Land gehört zu den ärmsten der Erde", heißt es. Wirtschaft und Infrastruktur wurden erst durch sowjetische Invasoren und dann im nachfolgenden Machtgerangel zwischen der paschtunischen Mehrheit und der tadschikischen Minderheit zerstört. Seit der Machtübernahme der Taliban 1996 schlagen sich die Menschen mit Drogenhandel, illegalen Waffengeschäften und dem ebenfalls illegalen Transithandel mit hochwertigen Konsumgütern, an dem auch Gangs aus Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten beteiligt sind, durch. Diesen Bedürfnisse ordnen sich auch die wenigen Investitionen der Taliban in die Infrastruktur unter: Import von Mobiltelefonen, Straßenbau, Tankstellen und Autowerkstätten sowie der Wiederaufbau des Stromnetzes in größeren Städten.

Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind inzwischen direkt und indirekt in Drogenhandel und -anbau involviert. Auch das offizielle Verbot der Taliban zum Anbau von Mohn, dem Rohstoff von Heroin, hat bis jetzt nicht verhindert, dass Afghanistan zu den größten Drogenherstellern der Welt gehört. Dazu kommt, dass ganz Zentralasien bereits das dritte Dürrejahr in Folge durchmacht, weshalb das Land nur zu 20 Prozent seinen Bedarf an Brotgetreide - für viele einziges Nahrungsmittel - aus eigenem Aufkommen decken kann. Hilfsorganisationen - schon früher oft bedroht durch die Taliban - sind zur wichtigsten Ernährungsquelle der Menschen geworden. Die Bevölkerung Afghanistans ging seit 1996 von 21,5 auf 16 Millionen Menschen zurück. Insgesamt 5,3 Millionen Flüchtlingen werden gezählt. Verloren hat das Land vor allem ausgebildete Arbeitskräfte. 70 Prozent aller Afghanen über 15 Jahre, vermutet die Weltbank, können weder lesen noch schreiben.

Dabei bietet das Land durchaus die Grundlage für eine eigenständige Wirtschaft. In Ainak, rund 35 Kilometer südlich von Kabul, vermuten Wissenschaftler die mit zehn Milliarden Tonnen wohl größte Kupfermine der Welt. Weiter im Norden lagern mehr als 40 Milliarden Tonnen Öl und 80 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Und die zentrale Lage des Landes böte den Afghanen eine lukrative Einnahmequelle aus Transitgebühren für Öl, Gas und andere Waren, die zwischen Europa und den arabischen Ländern gehandelt werden.

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