Politik : Afghanistan: Machtkampf der alten Rivalen

Elke Windisch

Alle Planspiele scheinen wieder einmal vergebens: Nachdem die Taliban-Gegner in Afghanistan mit der Einnahme Kabuls Tatsachen geschaffen haben, drohte der Plan von Ex-König Sahir Schah bloße Makulatur zu werden. Das Konzept des von UN und Anti-Terror-Koalition unterstützten Ex-Königs sieht die Bildung einer Übergangsregierung vor, an der alle Volksgruppen des Landes beteiligt werden sollten. Nun hat sich die Nordallianz zu Verhandlungen über die Bildung einer All-Parteien-Regierung bereit erklärt. Doch Beobachter bleiben skeptisch. Denn die rivalisierenden Warlords sind es gewohnt, ihre Ambitionen vor allem mit Hilfe der Kalaschnikow durchzusetzen. Proporz in Koalitionsregierungen errechnete sich in Afghanistan bisher stets als Summe von Personalstärke und Anzahl der Gewehrläufe der konkurrierenden Milizen.

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Der Frontverlauf aber ist in Afghanistan nach den militärischen Erfolgen der Taliban-Gegner nicht eindeutig. Das Land ist traditionell nicht nur von tiefen ethnischen Konflikten zerrissen, sondern auch von religiösen Gegensätzen, bei denen die Demarkationslinien zwischen dem sunnitischen und dem in Afghanistan gleich in mehreren Spielarten vertretenen schiitischen Islam nur teilweise mit den ethnischen Grenzen übereinstimmen. Dazu kommen zahllose Clanfehden innerhalb einer Volksgruppe.

Bündnisse sind in Afghanistan daher stets nur Bündnisse auf Zeit. Ex-Premier Gulbuddin Hekmatyar, der gegenwärtig erneut versucht, sich trotz dezimierter militärischer Hausmacht im bevorstehenden Machtpoker als dritte Kraft zwischen den Taliban und deren Gegnern zu profilieren, hat so unrecht nicht, wenn er behauptet, der größte Feind der Afghanen seien die Afghanen, weil permanenter Seitenwechsel und Verrat ihrer Führer langfristige strategische Allianzen unmöglich machen. Ohne die aber droht eine Neuauflage des Bürgerkrieges, der Mitte der Neunziger die Taliban erst auf den Plan rief - als vermeintlicher Ordnungsfaktor, der dann aber das Chaos nur vergrößerte und sich zur Schutzmacht des internationalen Terrorismus mauserte.

Parallelen, vor denen auch Russlands Außenminister Igor Iwanow bereits warnt. Einer seiner Experten räumte sogar ein, der Prozess der Regierungsbildung sei "außer Kontrolle geraten". Der 1996 von den Taliban gestürzte Burhanuddin Rabbani ließ sich am Samstag bei der Rückkehr nach Kabul als "gesetzmäßiger Präsident" feiern, obwohl seine Legitimität auf wackeligen Füßen steht: Laut Rotationsabkommen der Mujahedin-Koalition von 1992 hätte der ethnische Tadschike seinen Sessel schon 1994 für einen Paschtunen räumen müssen. Nun soll eine Abordnung aus gut einem Dutzend hochrangiger russischer Diplomaten und Militärs, die Bush und Putin bei dessen USA-Besuch vereinbarten, retten, was noch zu retten ist.

Zwar will Rabbani erklärtermaßen nicht allein regieren. Doch die Atommacht Pakistan muss schon allein im Interesse ihrer eigenen Stabilität auf eine Schlüsselrolle der Paschtunen als ethnischer Mehrheit pochen. Die aber stehen nach wie vor hinter den Taliban oder lehnen eine von Minderheiten geführte Zentralregierung auch als Interimslösung ab. Problematisch wird zudem der Interessenausgleich zwischen den Fraktionen der Taliban-Gegner selbst. Russland setzt auf die ethnischen Tadschiken und muss zudem die Interessen Irans und Indiens vertreten, die mit den eigenen nicht in jedem Punkt identisch sind. Usbekenchef Dostum dagegen verkauft die Erfolge der US-Luftangriffe als eigene und leitet daraus Vorkaufsrechte ab. Sollte er erneut zu kurz kommen, droht unter Umständen die Abspaltung seiner Nordwest-Homelands und deren Anschluss an Usbekistan. Dessen Machzuwachs aber will Moskau nicht hinnehmen.

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