Afghanistan : Mehr bringt mehr

Der deutsche UN-Sonderbeauftragte Koenigs teilt den deutschen Pessimismus zu Afghanistan nicht.

Hans Monath

Berlin - Seinen Termin im Kanzleramt nutzte der Afghanistan-Sonderbeauftragte der UN für einen Appell an seine Landsleute: Es komme in schwierigen Situationen darauf an, „dass die Partner — und vor allem ein so starker und wichtiger Partner wie Deutschland – energisch den Kurs halten“, verkündete Tom Koenigs am Dienstag nach dem Gespräch mit der Kanzlerin. Den letzten Anlass für die dramatische Aufforderung dürfte dem früheren Grünen-Politiker und Menschenrechtsbeauftragten die nervöse Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf das jüngste Geiseldrama gegeben haben. Koenigs, der die UN seit Anfang 2006 in Kabul vertritt, kämpft schon lange gegen die pessimistische Haltung einer Mehrheit seiner Landsleute gegenüber dem deutschen Afghanistanengagement.

Die verbreitete Meinung, wonach der Wiederaufbau gescheitert sei, teilt der Vertraute von Ex-Außenminister Joschka Fischer nicht. Er plädiert vielmehr für eine Ausweitung des Engagements – und auch für eine gerechte Lastenteilung und für einen Bundeswehreinsatz im gefährlichen Süden.

Jüngste Interviews zeigen auch, dass der frühere Linksradikale besser als viele Berliner Politiker erkannt hat, welche Gefahr die Herausforderung durch die Propaganda der Taliban bedeutet. Koenigs fürchtet, dass der Kampf um Afghanistan auch im Westen und speziell in Deutschland verloren werden kann. Schließlich teilt der frühere Grünen-Politiker auch nicht die vielfach geäußerte Pauschalkritik an der amerikanischen Kriegführung in Afghanistan.

Die Überzeugung Koenigs, wonach Afghanistans Zukunft noch keineswegs verloren ist, stützt sich auf Fakten. Mehr als 90 Prozent der Afghanen haben heute wieder Zugang zu medizinischer Versorgung, die Ernährungslage ist besser als noch vor Jahren. Hunderte von Schulen wurden wieder aufgebaut, auch Mädchen können wieder lernen, im Parlament sitzen Frauen. Im Unterschied zum Zerrbild von der „Irakisierung Afghanistans“ ist Koenigs der Meinung, dass die Entwicklung von drei Vierteln des Landes besser läuft, als viele erwartet hatten.

Gleichwohl sieht der UN-Mann auch die Defizite: Nach dem Aufstand gegen die Kabuler Regierung und die internationale Schutztruppe im Süden hat der Westen seiner Meinung nach noch keine tragfähige „Counter-insurgence-strategy“ (Strategie zur Bekämpfung der Aufständischen) gefunden, die zivile und militärische Elemente verbindet. Während die Helfer stets mit der in vielen Landesteilen ungeliebten Kabuler Regierung zusammenarbeiten müssen, kommen die Taliban „von unten“, aus der Bevölkerung. Viele der Aufständischen, so glaubt Koenigs, sind Stämme, die nur von der eigenen Regierung enttäuscht und damit auch wieder integrierbar sind.

Unbeantwortet ist bislang auch die Frage, wie die gefährlichen Selbstmordanschläge eingedämmt werden können. Kanzlerin Angela Merkel sagte nach dem Gespräch, in die Anstrengungen müssten auch die Nachbarländer eingebunden werden. Die Ausbildungslager der Terroristen, die in jüngster Zeit auch Deutsche aufsuchten, liegen in Pakistan.

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