Afghanistan : "Mein lieber Talib, kehre zurück"

Afghanistans Präsident Karsai wirbt auf der Dschirga um Frieden – doch Raketen stören die Hoffnung auf Versöhnung.

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Der Beginn der Versöhnungskonferenz hätte kaum verheerender ausfallen können. Ein Selbstmordkommando der Taliban attackierte das Tagungszelt, in dem sich 1600 Delegierte und Gäste versammelt hatten – und das trotz massivster Sicherheitsvorkehrungen in der ganzen Stadt. Präsident Hamid Karsai verließ zunächst die Beratungen ebenso wie viele ausländische Diplomaten. Das wirkte nicht gut. Manche Beobachter glauben bereits, die Dschirga könnte in einen Riesenreinfall münden. Dabei hatte Karsai in seiner Eröffnungsrede den Rebellen die Hand ausgestreckt und inständig an sie appelliert, die Waffen niederzulegen. „Ich rufe dich wieder dazu auf, mein Bruder, mein lieber Talib, kehre zurück. Dies ist dein Land“, hatte er geworben. Die Antwort kam allerdings prompt und lautstark – die Aufständischen feuerten offenbar mindestens drei Raketen auf das riesige, klimatisierte Tagungszelt bei der Polytechnischen Universität ab.

Aber es war kein gutes Omen für die dreitägige Dschirga. Immerhin wollen die Delegierten über mögliche Wege beraten, einen Versöhnungsprozess mit den Taliban zu beginnen. Karsai selbst stellte zum Auftakt seinen Friedensplan vor. Dabei unterscheidet er zwischen Fußsoldaten und der Taliban-Führung. Den Fußsoldaten will er Straffreiheit, Geld und Jobs zusichern, wenn sie die Waffen niederlegen. Rein rechnerisch würde ein vom Westen zugesagter Fonds reichen, um jedem der etwa 30 000 Kämpfer über fünf Jahre 3000 Dollar jährlich zu zahlen.

Ob sich die Masse der Fußsoldaten aber einfach so kaufen lässt, bezweifeln Analysten. Den Ex-Militanten fehlt eine Zukunftsperspektive. Kämpfer, die sich irgendwann von den Taliban lossagen, könnten nicht in ihren Dörfern bleiben, weil sie Racheakte fürchten müssten. Und Kabul gilt ihnen als übelster Sündenpfuhl, in dem sie sich wie Ausgestoßene, wie Außenseiter fühlen. Noch schwieriger sieht es bei der Rebellenspitze aus, die am Ende über einen wirklichen Friedensschluss in Afghanistan zu entscheiden hätte: Den Taliban-Führern will Karsai den Weg ins Exil ebnen. Dazu will er sich dafür einsetzen, dass sie von den Terrorlisten der UN und der USA gestrichen werden.

Was die Taliban von Karsais Avancen halten, haben sie allerdings nun mit ihrer Attacke auf die Dschirga unmissverständlich klargemacht. Sie sehen Karsai und die von seinen Leuten meist handverlesenen Dschirga-Delegierten als Büttel der „ausländischen Invasoren“ und sprechen ihnen das Recht ab, für das afghanische Volk zu stimmen. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass Friede mit den Extremisten eine völlig absurde und unrealistische Idee ist. Auch die Taliban sind kein monolithischer Block. In den vergangenen Monaten gab es einige zaghafte Signale ihrer Führung, dass man Kompromissen nicht völlig abgeneigt ist. Tatsächlich hatten Karsai und der frühere UN-Sondergesandte Kai Eide bereits Gespräche mit dem Taliban-Vize Mullah Baradar geführt.

Baradar hielt sich wie sein Chef Mullah Omar im Nachbarland Pakistan versteckt. Allerdings hat Islamabad Baradar und andere als gesprächsbereit geltende Talibanführer – offenbar mit Segen der USA – im Februar dieses Jahres festgenommen und damit die Gespräche gestoppt. Sehr zum Ärger Karsais, der damit ausgebremst wurde.

Washington hat es mit Friedensgesprächen noch nicht so eilig. Dort glaubt man, dass zunächst der Militärdruck auf die Taliban erhöht werden muss, um sie kompromissbereiter zu stimmen. Tatsächlich hängt ein möglicher Friedensschluss am Ende an ganz konkreten Bedingungen. Und da kollidieren beide Seiten heftig: Die USA haben macht- und wirtschaftspolitische Interessen am Hindukusch. Sie wollen Pipelines legen und dauerhaft Militärbasen in Afghanistan behalten, um ihren regionalen Einfluss zu sichern und auch Drohpotenzial etwa gegenüber dem Iran zu besitzen. Die Taliban wollen ihre Heimat dagegen nicht für einen solchen Stellvertreterkrieg missbrauchen lassen und machen den Abzug aller ausländischen Truppen zur Bedingung für ein friedliches Ende dieses endlosen Krieges.

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