Afghanistan : Nachricht aus dem Palast

Die Warlords sind mächtig. Und sie werden gebraucht. Ein Karsai-Vertrauter berichtet vom Zwiespalt seines Chefs und den Problemen, die der Westen macht.

Martin Gerner[Kabul]

Der Mann kommt gerade „aus dem Palast“, wie er sagt. Anzug und Krawatte hat er gegen Jeans und Lederjacke getauscht. Er ist jung, hat aber einen hohen protokollarischen Rang in der Administration des Präsidenten Hamid Karsai. Bescheiden nennt er sich „Mädchen für alles“. Wie es mit den Bedingungen des neuen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg für weiteres deutsches Engagement aussehe? „Es sieht nicht gut aus“, antwortet der Mann, der anonym bleiben möchte, und benennt die generellen Forderungen des Westens an die neue afghanische Regierung: „Alle internationalen Gäste, die hier vorgesprochen haben, verlangen, dass Karsai Warlords wie Dostum, Mohaqiq und Fahim aus der Regierungsverantwortung entlässt. Aber das kann er nicht machen.“ Karsai habe sein Schicksal in den vergangenen Jahren in einem Maß an das der gewendeten Kriegsfürsten gebunden, das ihm einen Schnitt, wie ihn die Geberländer fordern, nicht erlaube. Sicher, stimmt der Mann zu, Karsai habe das Spiel mit den einstigen Mudschahedin-Führern und Opportunisten zu weit getrieben, habe Härte und klare Grenzen vermissen lassen. Das räche sich jetzt. Karsai müsse Zeichen setzen, sagt der Mann, der zum inneren Zirkel der Macht zählt, allein schon wegen der eigenen Glaubwürdigkeit. „In seiner Entourage gibt es jene, die ihn immer wieder auffordern, eine Exempel auf regionaler Ebene zu statuieren; mit der Entlassung eines korrupten Behördenchefs oder Gouverneurs fern von Kabul anzufangen.“

Auf den Einwand, dass aber bislang wenig geschehe, gibt der Mann aus dem Palast zu bedenken, Karsai habe Angst, noch mehr Zustimmung zu verlieren, weil ihm hartes Vorgehen auch als Schuldeingeständnis ausgelegt werden könne. Er spricht von politischer Willensschwäche, und es wird klar, dass er Karsai persönlich meint. Und er macht deutlich, dass der Mann mit der Schafsfellmütze vielfach gar nicht Herr im eigenen Palast sei. Ein großes Problem sei auch, dass die amerikanische Regierung ihre Wunschkandidaten für die afghanische Regierung hätte, die Briten hätten wiederum die ihren.

Der Westen rede mit vielen Stimmen, so dass Karsai die internationalen Vertreter schon in dem einen oder anderen Fall mit der Bitte alleingelassen habe, sich selbst einig zu werden, bevor sie mit einer neuen Forderung kommen. Seine Regierung wisse nicht einmal, was im umkämpften Süden des Landes tatsächlich los sei, gesteht er ein. Amerikaner und Nato-Länder betrieben ihre eigene und eine eigenwillige Informationspolitik. „Der Westen fordert von Karsai, er soll seine Verbindungen zu den Warlords kappen, aber zugleich ist es ein offenes Geheimnis, dass der Westen in den umkämpften Provinzen mit Warlords arbeitet, um sich Taliban vom Leib zu halten.“

Es ist wie so häufig in Afghanistan: Die Darstellung der afghanischen Seite und die internationale Sichtweise könnten konträrer nicht sein. Zugleich steckt der Westen im Dilemma. Einerseits will er Karsai nach dessen Wahlfälschung die Daumenschrauben anlegen, andererseits verspricht er Souveränität. Die aktuelle Regierungsbildung werde sich dadurch verschieben, prognostiziert der Mann aus der Karsai-Administration.

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