Politik : Afghanistan: Nicht ohne die Männer

Ulrike Scheffer

Ein Wohnzimmer kann eine vorzügliche Schule sein. Vor allem für Frauen und Mädchen in Afghanistan, die sich erst allmählich wieder in die Öffentlichkeit trauen. Schon früher brachten besser gebildete Frauen in so genannten Haus- oder Barfußschulen anderen Frauen Lesen und Rechnen bei. Die Schülerinnen gaben ihr Wissen dann in einer Art Schneeballsystem an ihre Freundinnen weiter. "Natürlich wird in diesen Schulen nur ein rudimentäres Wissen gelehrt. Aber wenn eine Frau zumindest einfache Schilder lesen und ein wenig addieren kann, verändert sich ihr Alltag radikal", sagt Ingeborg Baldauf, Islamwissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Universität. Sie hat Mitte der Neunziger Jahre Barfuß-Schulen in Afghanistan besucht, die meist von ausländischen Organisationen gefördert wurden.

Auch jetzt könnte den Frauen durch sehr einfache Projekte schnell geholfen werden, so Baldauf bei einem Fachgespräch auf Einladung des Menschenrechtsausschusses des Bundestages. Gemeinsam mit weiteren Afghanistan-Experten warnte die Wissenschaftlerin dagegen davor, das Land mit Großprojekten zu überziehen. "In Kabul gibt es schon ein regelrechtes Gerangel unter Hilfsorganisationen um die zugesagten Gelder. Da wird zu viel zu unkritisch ausgegeben", sagte Christine Nölle-Karimi von der Universität Bamberg, die mit einer eigenen Organisation Bildungs-Projekte in Afghanistan betreut. Konkret bemängelt sie den Bau-Boom bei Schulen: "Solche Projekte sind bei vielen Organisationen beliebt, weil sie sich leicht abrechnen lassen. Doch solange nicht geklärt ist, wie die Schulen betrieben und unterhalten werden, hilft dies den Menschen wenig."

Fachleute zweifeln auch daran, ob es sinnvoll ist, Frauen besonders zu fördern. "Viele Afghanen fühlen sich in diesem Punkt vom Ausland und der Zentralregierung unter Druck gesetzt. Das wird Widerstand erzeugen", sagt Bernd Glatzer von der Deutschen Stiftung für Entwicklung. "Die Männer haben schließlich ebenfalls unter den Taliban gelitten - auch weil die ihnen die Verfügungsgewalt über die Bewegungsfreiheit der Frauen genommen haben", sagt Nölle-Karimi. Auf dem Land würden deshalb viele Männer die neue Politik aus Kabul ablehnen. "An dieser Realität kommen wir nicht vorbei." Nölle-Karimi ist überzeugt, dass die Männer nicht grundsätzlich gegen Frauenförderung sind. "Sie wollen aber einbezogen werden. Deshalb sollten wir die Großfamilie zum Bezugspunkt der Hilfe machen." Am wichtigsten sei jedoch, den Menschen zu vermitteln, dass sie für die Zukunft ihrer Gesellschaft selbst verantwortlich seien.

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