Politik : Afghanistan: Nur über den König einig

Ashwin Raman

Eine Karikatur in der pakistanischen Zeitung "Frontier Post" vergleicht die Afghanistan-Konferenz in Bonn mit einer öffentlichen Ausschreibung. Die Zeichnung zeigt Francesc Vendrell, den stellvertretenden Uno-Beauftragten für Afghanistan, mit dem Spruch: "Alle Interessenten des Projekts Afghanistan sollen ihre Konzepte samt Kostenvoranschlägen bis Montag einreichen."

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Aus Montag wurde wegen Anreiseschwierigkeiten der Dienstag, und noch etwas stimmt nicht an dem Witzbild. Alle vier Delegationen, die die Vereinten Nationen nach Bonn eingeladen haben, haben nichts zu bieten. Geld sowieso nicht, aber auch keine Inhalte, die als Verhandlungsmasse dienen könnten. Politisch sind sie praktisch nicht zu unterscheiden, höchstens dadurch, dass sie Klientelinteressen vertreten.

Da ist die sogenannte Zypern-Gruppe der Exil-Afghanen, die auf Zypern leben, mit dem Mudschahedin-Führer Gulbuddin Hekmatjar an der Spitze. Für ihn, der selbst im Iran lebt und nicht nach Bonn angereist ist, und seine Gruppe wird es jedoch schwer werden, Gehör zu finden. Die Afghanen haben nicht vergessen, dass 25 000 Menschen starben, als Hekmatjar, damals Ministerpräsident, im Jahr 1994 Kabul in Schutt und Asche bomben ließ.

Die Peschawar-Gruppe, benannt nach der pakistanischen Hochburg der Paschtunen, vertritt ein Bündnis von 18 zumeist paschtunischen Parteien aus dem Süden Afghanistans. Ihr bekanntestes Gesicht ist Pir Gailani, der wegen seiner Angriffe auf die Rote Armee im Krieg gegen die Sowjetunion berühmt geworden ist. Er schickt seinen Sohn nach Bonn. Gailani ist ein Verwandter des ehemaligen Königs Zahir Schah und hat sich schon nach dem Abzug der sowjetischen Truppen für dessen Rückkehr aus dem römischen Exil stark gemacht.

Die Einbindung des ehemaligen Königs in eine Übergangsregierung ist der kleinste gemeinsame Nenner fast aller Delegationen. Nur in den Plänen der Zypern-Gruppe kommt er nicht vor. Der König ist ein Paschtune, taugt also als Symbolfigur für die größte Volksgruppe im Land, aber er ist alt und ohne eigene Ambitionen. Er ließe sich, so die Spekulation, von einer Übergangsregierung willig lenken. Seine eigenen Vertreter, die sogenannte Rom-Gruppe, ist ebenfalls in Bonn. Sie vertritt den größten Teil der Exil-Afghanen. Der elfköpfigen Delegation gehören auch zwei Frauen an.

Eine Hand wäscht die andere

Die Nordallianz steht nach ihrem Sieg über die Taliban unter dem internationalen Druck, die Macht an eine Übergangsregierung unter Einschluss aller Volksgruppen abzugeben. Innerhalb der Nordallianz gibt es verschiedene Gruppen, die bis jetzt nur durch den Widerstand gegen die Taliban zusammengehalten worden sind.

Die Allianz schickt Abdullah Abdullah, ihren Außenminister, den Militärchef General Mohammed Fahim sowie Yunus Qanuni, den Innenminister. Militärchef Qanuni gilt als einflussreichster Mann der Nordallianz und als jemand, der Mitglieder anderer Interessensgruppen für sich gewinnen kann. Qanuni hat beispielsweise ebenfalls gute Beziehungen zu Zahir Schah und möchte ihn in "irgendeiner Weise" in die Regierung mit einbinden, sagt er.

Kurioserweise ist das Treffen in Bonn kein Medienereignis in der arabischen Presse. Die Zeitungen sind derzeit eher mit den Ländern beschäftigt, die sie die "Drahtzieher" nennen und die auch in Bonn dabei sein werden. Gemeint sind die Nachbarstaaten Afghanistans, also Usbekistan, Tadschikistan, Iran, Pakistan und Indien, aber auch Russland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Die Zeitung "Al Ausaf" aus Islamabad beschreibt die Abhängigkeit Afghanistans von ihnen am Beispiel eines Kämpfers der Nordallianz. "Er kämpft mit russischen Waffen und amerikanischer Luftunterstützung. Der Treibstoff für sein japanisches Fahrzeug kommt aus Usbekistan und Tadschikistan. Seine Uniform wird in Iran angefertigt und seine Schuhe in Indien. Die Politiker, die ihn vertreten, sitzen in Rom und Peschawar."

Der britische Journalist Robert Fisk, ein Kenner Afghanistans, thematisiert in zahlreichen Interviews und Beiträgen die Einmischung anderer Länder in Afghanistan. Der usbekische Präsident Karemow möchte zum Beispiel eine Öl-Pipeline durch Afghanistan mit Zugang zu einem Hafen in Pakistan legen. Die Unterstützung des mächtigen Nordallianz-Generals Abdul Raschid Dostum könnte ihm den nötigen Einfluss in Kabul verschaffen. Dostum ist Usbeke. Ein anderer Nachbar, Tadschikistan, unterstützt Dostums Gruppe um den ermordeten Allianzführer Ahmed Shah Massoud aus denselben Gründen. Tadschikistan hat auch Öl.

Nachbarn als Sieger und Verlierer

Während die beiden nördlichen Nachbarn vom Sieg der Nordallianz profitieren könnten, ist Pakistan dagegen ein Verlierer des Krieges gegen die Taliban. Militärmachthaber Musharraf hat sich durch seine Allianz mit Amerika Feinde geschaffen, im eigenen Land und in der ganzen islamischen Welt. Zugleich nehmen ihm die Nordallianz-Führer seine frühere Unterstützung der Taliban übel. Und mindestens genauso schwer wiegt die traditionell-religiöse Abneigung der schiitisch geprägten Nordallianz gegenüber dem sunnitischen Pakistan. Aus dem Dilemma kommt das Land nicht heraus.

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