Afghanistan : Obamas Exitstrategie

Die Vereinigten Staaten wollen auf dem Nato-Gipfel einen Abzugszeitplan für Afghanistan vorlegen, haben aber wieder Ärger mit Präsident Karsai

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Die Zeit läuft. Die USA drängen auf einen baldigen Abzug der Truppen aus Afghanistan – in einem US-Lager zeigt ein Graffito, wie die Soldaten die Monate zählen. Foto: Reuters
Die Zeit läuft. Die USA drängen auf einen baldigen Abzug der Truppen aus Afghanistan – in einem US-Lager zeigt ein Graffito, wie...Foto: REUTERS

Beim Nato-Gipfel am Wochenende wird US-Präsident Obama einen Plan zum schrittweisen Abzug aus Afghanistan bis 2014 vorlegen. Die Strategie wird jedoch überschattet von Meinungsverschiedenheiten mit Präsident Hamid Karsai. Er gilt in den USA zunehmend als unzuverlässiger Partner, der die Nato-Pläne unterminiert, um seine Machtposition nach Abzug der westlichen Truppen zu wahren. General David Petraeus, Oberbefehlshaber der Nato- und US-Truppen in Afghanistan, sagte ein Treffen mit Karsai am Sonntag ab, nachdem der in einem Interview Forderungen zum US-Einsatz erhoben hatte, die der mit ihm abgesprochenen Strategie zuwiderlaufen.

Zudem hat es Obama mit einer gespaltenen Öffentlichkeit in den USA zu tun. Die Rechte wirft ihm vor, es sei ein Fehler, öffentlich konkrete Abzugsdaten zu nennen. „Man kämpft bis zum Sieg, und danach zieht man ab“, kritisiert Senator John McCain. Auf die Linke wirkt das Jahr 2014 dagegen wie eine enttäuschende Verlängerung des amerikanischen Einsatzes. Als Obama vor einem Jahr seine neue Afghanistanstrategie vorstellte, bemühte er sich um eine Balance zwischen beiden Positionen: 2010 sollten die US-Truppen verstärkt und die Kampfeinsätze gegen Aufständische nach dem Erfolgsmuster im Irak ausgeweitet werden. Im Sommer 2011 könne dann der Rückzug beginnen. Dessen Tempo sei freilich abhängig von der Entwicklung der Lage, schränkte Obama ein.

Eine weitere Erschwernis sind die unterschiedlichen Terminkalender der Nato und der USA für die weiteren Afghanistanpläne. Die Allianz möchte an diesem Wochenende den weiteren Kurs beschließen. Die US-Analyse, wie sich die Verdreifachung der Truppen seit Obamas Amtsantritt ausgewirkt hat, welche Erfolge erzielt wurden und wo es weiterhin Probleme gibt, ist jedoch erst im Dezember fällig. Unabhängig davon, was die Nato nun beschließt, ist es wahrscheinlich, dass die USA ihre Strategie nach Vorlage dieses Berichts erneut verändern werden. Sie stellen zwei Drittel der Truppen und tragen die Hauptlast des Kampfes gegen die Taliban.

Der Plan, den Obama zum Gipfel in Lissabon mitbringt, sieht nach US-Zeitungsberichten vor, die Verantwortung für die Sicherheit in einzelnen Provinzen in den nächsten 18 bis 24 Monaten an afghanische Kräfte zu übertragen, also zwischen Sommer und Jahresende 2012. Zur Absicherung dieser Verantwortungsübergabe bleiben Nato-Truppen zunächst in diesen Gegenden in Kasernen. Die Kampfeinsätze in den Regionen mit dem größten Widerstand sollen bis 2014 beendet sein. Bis Ende 2014 könnten alle westlichen Kampftruppen abziehen. Danach würden noch etwa 50 000 Soldaten zur Ausbildung und Überwachung in Afghanistan bleiben. Derzeit sind dort 100 000 Amerikaner und rund 35 000 andere Nato-Soldaten stationiert, darunter mehr als 4500 Bundeswehrsoldaten.

Bisher wurden 264 000 afghanische Soldaten und Polizisten ausgebildet. Bis 2013 soll die Zahl auf 350 000 steigen. Ihre Tauglichkeit für ernsthafte Kämpfe wird in den USA skeptisch beurteilt.

Die US-Strategie orientiert sich an den Erfahrungen der Truppenverstärkung im Irak 2007 und zielt darauf, die Aufständischen hart zu bekämpfen, um ihnen den Glauben an einen militärischen Sieg zu nehmen und ihren politischen Vertretern als Alternative die Beteiligung am parlamentarischen Prozess anzubieten. Zum Kern des Vorgehens gehören nächtliche Spezialeinsätze gegen Taliban-Kommandeure. Aus US-Sicht sind sie sehr erfolgreich. Karsai forderte am Wochenende, die USA sollten diese Einsätze beenden und generell ihre Truppen vermehrt „in den Kasernen lassen“. Amerika argwöhnt, er wolle sich mit den Taliban arrangieren, statt auf Sieg zu setzen.

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