Afghanistan : Petraeus dämpft Hoffnung auf baldigen Truppenabzug

US-General Petraeus lobt die Bundeswehr für ihren Einsatz in Afghanistan - und dämpft zugleich die Hoffnungen auf einen zügigen Abzug der internationalen Kräfte.

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Bedeutende Herausforderung: Die Diskussion über einen Abzug befördere den Glauben der Afghanen, ein Sieg der Taliban sei unausweichlich, heißt es in einem Pentagon-Bericht.
Bedeutende Herausforderung: Die Diskussion über einen Abzug befördere den Glauben der Afghanen, ein Sieg der Taliban sei...Foto: AFP

Berlin - US-General David Petraeus gilt als Intellektueller unter den Militärs, und als körperlich topfit. Er joggt gerne und oft. Egal, ob in der Gluthitze Kabuls, wo er als Oberkommandierender der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan seit fünf Monaten seinen Dienst tut, oder im kalten Berlin, wo er seit Dienstag zu Gesprächen unter anderem mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – „ein außerordentlich kluger Mensch“ – auf Deutschlandbesuch ist. Man fragt sich unwillkürlich, wovor der Mann eigentlich flieht. Ob er, von dem es heißt, ihm könnte in Afghanistan die Zeit davonlaufen, vielleicht versucht, ebendieser Zeit ein Schnippchen zu schlagen und ihr seinerseits voraus zu sein.

Nun, gehetzt wirkt er jedenfalls nicht, als er am Mittwoch im Ritz-Carlton deutschen Journalisten seine Sicht auf den Gang der Dinge am Hindukusch erklärt. Im Gegenteil. Mit ruhiger Stimme und gelassen im Habitus nennt er Fortschritte, Probleme, Herausforderungen – und lobt den Einsatz des drittgrößten Truppenstellers: Deutschland. „Beeindruckend“ sei der Beitrag, den die Bundeswehr im Kampf gegen die Aufständischen derzeit leiste, sagt Petraeus und verdeutlicht, dass die deutschen Soldaten dieser Tage in die wohl schwersten Gefechte seit Gründung der Bundeswehr verwickelt sind.

Vier-Sterne-General David Patraeus.
Vier-Sterne-General David Patraeus.Foto: Reuters

Zugleich dämpfte der Vier-Sterne-General die Hoffnungen auf einen zügigen Abzug der internationalen Kräfte. Manches sei erreicht worden in den letzten Monaten, man habe die Taliban in einigen Regionen zurückdrängen, sie aus manchen ganz vertreiben können, „aber nach wie vor gibt es Distrikte, in denen sie die Initiative haben“, führte der 58-Jährige aus. Ja, er halte es für realistisch, wie beim Nato-Gipfel in Lissabon am Wochenende beschlossen, 2011 den Übergang einzuleiten; und ja, er halte es auch für möglich, 2014, dem Wunsch von Präsident Hamid Karsai folgend, die Sicherheitsverantwortung ganz in die Hände der afghanischen Armee und Polizei zu legen. Aber „entscheidend ist die Lage vor Ort“.

Und da stehe noch viel harte Arbeit an. Beim militärischen Kampf ebenso wie bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte, beim politischen Prozess der Reintegration und Versöhnung wie beim zivilen Wiederaufbau. „Nichts davon ist leicht“, sagte Petraeus, zumal in einem Land, das auf 30 Jahre Krieg zurückblicke und in dem 90 Prozent der Bevölkerung weder lesen noch schreiben könnten.

Zwei neuere Entwicklungen machte der General als nicht unproblematisch, aber wichtig aus. Zum einen die zunehmende Bildung lokaler Bürgerwehren, die sich ergänzend zur afghanischen Polizei um die Sicherheit in ihren Dörfern kümmerten. Bei der Rekrutierung, Bezahlung und Ausstattung durch das Innenministerium müsse allerdings ausgeschlossen werden, dass es sich um Männer mit einer kriminellen Vergangenheit handle oder sie dazu dienten, die Herrschaft eines Warlords oder Drogenbarons zu verstetigen. Zum anderen hätten zuletzt zahlreiche Aufständische ihre Waffen niedergelegt und seien übergelaufen. Dabei sei allerdings zuweilen unklar gewesen, ob es sich wirklich um Taliban, um einfache Kriminelle oder auch Trittbrettfahrer handle, die in den Genuss von Ausstiegsprämien zu kommen versuchten. In jedem Fall sei noch nicht der Punkt erreicht, der, wie einst beim Vorbild Irak, eine Kettenreaktion auslösen und die Wende herbeiführen könnte.

Ähnlich nüchtern und ernüchternd fällt das Ergebnis eines Pentagon-Berichts aus, der am Dienstag dem Kongress in Washington vorgelegt wurde. Die Fortschritte seien „uneinheitlich“, heißt es. Es gebe „bescheidene Zugewinne bei Sicherheit, Regierungsführung und Entwicklung“, doch dem stünden „bedeutende Herausforderungen“ entgegen. Die Gewalt habe einen Höchststand erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl gewalttätiger Vorfälle um 70 Prozent gestiegen, im Vergleich zu 2007 habe sie sich sogar verdreifacht. Und die Bemühungen, die Nachschubrouten der Taliban über Pakistan und den Iran zu unterbrechen und die Rückzugsgebiete zu verringern, hätten „keine messbaren Ergebnisse“ erbracht. Fazit: Der Aufstand zeige sich „widerstandsfähig“. Die Taliban schöpften Kraft daraus, dass die Bevölkerung bald mit dem Abzug der alliierten Truppen rechne. „Dadurch wird glaubwürdig, dass ein Sieg der Taliban unvermeidlich ist“.

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