Afghanistan : Regierung verärgert über Kritik an Christen-Prozess

Die afghanische Regierung hat die scharfe Kritik aus Deutschland an dem Prozess gegen einen Konvertiten empört zurückgewiesen. Es geht um den zum Christentum übergetretenen Abdul Rahman, dem die Todesstrafe droht.

Kabul/Rom - Zu Drohungen von Politikern, im Falle einer Todesstrafe für Rahman die Hilfe für Afghanistan einzustellen oder Soldaten abzuziehen, sagte Wirtschaftsminister Amin Farhang am Mittwoch dpa in Kabul: «Das grenzt an Erpressung.» Er sicherte Rahman ein faires Verfahren zu. Der italienische Außenminister Gianfranco Fini äußerte sich unterdessen optimistisch zu dem Fall. Er habe «gute Gründe» zu sagen, dass ein eventuelles Todesurteil nicht vollstreckt würde.

Im Falle eines Todesurteils für Rahman müsste der afghanische Präsident Hamid Karsai die Vollstreckung anordnen. Farhang sagte, er sei sicher, dass auch unter Berücksichtigung der Scharia, des muslimischen Rechtssystems, und des Korans eine «gute Lösung» in dem Fall gefunden werde. Bei der Suche danach werde die Regierung in Kabul mithelfen. Der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Mittwoch) sagte Farhang, die «hitzige und emotionale Reaktion deutscher Politiker» sei überzogen und habe bei den Afghanen für Unmut gesorgt. «Wir mischen uns auch nicht in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik oder gar in laufende Rechtsverfahren ein.»

Unterdessen forderten deutsche Politiker angesichts der in dem Prozess gegen Rahman drohenden Todesstrafe erneut eine Änderung der afghanischen Gesetze, was allerdings durch die afghanische Verfassung ausgeschlossen ist. In Artikel 149 heißt es: «Die Bestimmungen, nach der die Grundzüge der heiligen Religion des Islam und die Ordnung der Islamischen Republik befolgt werden müssen, können nicht geändert werden.» Nach der Scharia und dem Koran müssen Muslime, die sich vom Islam abwenden, mit dem Tode bestraft werden. Die Bestimmungen des Islam sind für afghanische Gerichte laut Verfassung bindend.

Die USA bezeichneten das Verfahren als Test für die Demokratie und die Verfassung in Afghanistan. Die afghanische Verfassung schreibe Glaubensfreiheit fest, sagte der Staatssekretär im US-Außenministerium Nicholas Burns am Dienstag (Ortszeit) in Washington nach einem Gespräch mit dem afghanischen Außenminister Abdullah Abdullah. Wenn dies befolgt werde, dann sei der Angeklagte natürlich unschuldig. Die USA verfolgen nach den Worten von Burns den Fall sehr aufmerksam. Abdullah sprach von einem sehr heiklen Problem.

Fini sagte am Dienstagabend im italienischen Fernsehen: «Nach dem, was mir berichtet wurde - und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln - wird das Todesurteil nicht ausgeführt.» Fini hatte zuvor den afghanischen Botschafter zu einem Gespräch ins Ministerium in Rom zitiert und ihm «die Empörung der italienischen Regierung» übermittelt. Fini betonte, italienische Truppen würden nicht aus Protest aus Afghanistan abgezogen. «Das wäre ein Fehler.»

Farhang sagte, mit einem Ende der Hilfe und einem Truppenabzug wäre nur den Terroristen gedient, die Afghanistan international isolieren wollten. «Das könnte auch für Europa und die Welt gefährlich werden.» Italien hat derzeit mehr als 2000 Soldaten in Afghanistan stationiert. Die Bundeswehr stellt 2700 Soldaten der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan (Isaf).

Rahman, der lange in Deutschland lebte, war im Februar festgenommen worden, weil seine Familie ihm Glaubenswechsel vorgeworfen hatte. Der Angeklagte war vor 16 Jahren zum Christentum übergetreten, als er für eine Hilfsorganisation in Pakistan arbeitete. Er kehrte aus Deutschland in seine Heimat zurück, um sich um das Sorgerecht für seine bei den Großeltern lebenden beiden Töchter zu bemühen. Im Streit darum wurde der Glaubenswechsel den Behörden bekannt und Rahman verhaftet.

Farhang sagte, möglicherweise sei Rahman unzurechnungsfähig. «Der Mann macht einen gestörten Eindruck.» Er habe versucht, seine Kinder und seine Geschwister zum Christentum zu bekehren. Man müsse jetzt abwarten und «nicht sofort so emotional reagieren». «Im Karikaturenstreit blieb die afghanische Regierung ja auch gelassen, obwohl viele Bürger wütend waren», fügte Farhang hinzu. (tso/dpa)

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