Politik : Afghanistan: Rüsten für die neue Schlacht

Ashwin Raman

Nur wenige Tage nach dem Abkommen vom Petersberg melden sich in Afghanistan immer mehr kritische Stimmen zu Wort. Jabbar Ahmed Khan, ein Stammesführer, der ein Gebiet südlich von Kabul erobert hat, lehnt den designierten Regierungschef Hamid Karsai vehement ab. "Er ist doch nur eine Marionette der USA. Wir Afghanen wollen ihn nicht. Er hat auch nicht aktiv gegen die Taliban gekämpft", sagte er. Jabbar steht außerdem dem Einsatz von internationalen Friedenstruppen kritisch gegenüber: "Viele werden jubeln, wenn die UN-Truppen kommen. Das heißt aber nichts. Viele haben auch gejubelt, als damals die Sowjets kamen." Ex-Premier Gulbuddin Hekmatjar sagte in Teheran: "Die Amerikaner haben uns diese Regierung aufgedrängt. Die Vereinten Nationen haben damit wenig zu tun gehabt." Er verlangt den sofortigen Abzug aller ausländischen Kräfte aus Afghanistan. Dass Hekmatjar so reagiert, ist leicht zu erklären. Seine Zypern-Gruppe konnte bei den Verhandlungen in Bonn kaum etwas für sich erreichen.

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Der Paschtunenführer Sayed Ahmed Gailani von der Peschawar-Gruppe glaubt, dass Karsai nur an der Macht bleiben könne, solange die Amerikaner in Afghanistan bleiben. "Karsai hat kaum Rückhalt im Norden und Osten des Landes. Er hat kaum in Afghanistan gelebt. Den Großteil seines Lebens hat er im pakistanischen Quetta und in den USA verbracht. Fast alle Mitglieder seiner Familie leben in den USA", sagte Gailani. Karsais Verbindung zu den USA ist auch nach der Auffassung von Ahmed Bashir, einem früheren Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI, mehr als eng: "Ich habe ihn 1984 unserem Geheimdienstchef Akhtar Abdur Rahman Khan vorgestellt. Der wiederum stellte Karsai dem damaligen CIA-Chef William Casey vor", berichtete Bashir. Seitdem sei Karsai ein gern gesehener Gast in Virginia.

Ismail Khan, der Gouverneur von Herat, steht den Ergebnissen der Konferenz vom Petersberg, bei der sich die Delegierten auf Karsai als Regierungschef verständigten, ebenfalls kritisch gegenüber: "Was soll Karsai richten? Fahim und Kanuni haben das Militär und die Polizei hinter sich. Sie werden Karsai keine freie Hand geben."

Der lauteste Kritiker der Interimsregierung ist kein Geringerer als der Usbeken-General Abdul Rashid Dostum, der neun Provinzen im Norden Afghanistans unter seiner Macht hat. Am Satellitentelefon sagte er dem Tagesspiegel, dass die Posten, die seine Gruppe Jombesh-e-Melli bekommen hatte, bedeutungslos seien. Dies sei eine Beleidigung, betonte er mehrfach. Hingegen hätte die Gruppe Jamiat-i-Islami mit dem Außen-, Innen- und Verteidigungsministerium die wichtigsten Posten für sich in Anspruch genommen. Dostum wirft der Nordallianz-Delegation Verrat vor. Ihm sei vor der Abreise nach Bonn das Außenministerium versprochen worden. Wenn diese Diskrepanz nicht schnellstens behoben würde, werde er Kabul die Nutzung von Erdöl und Gas aus den Provinzen unter seiner Kontrolle verbieten.

Die ohnehin angespannte Lage spitzte sich am Freitag weiter zu. Dostum zog seine Truppen aus der Provinz Kundus zurück, um seine Position in Masar-i-Scharif zu stärken. Kundus befindet sich jetzt in den Händen von drei tadschikischen Stammesführern. Offensichtlich möchte Dostum vorbereitet sein, falls es zu einer militärischen Auseinandersetzung mit der neuen Regierung in Kabul kommen sollte. Ein weiterer großer Konflikt bahnt sich in Kandahar an. Gul Agha, der vor der Machtübernahme der Taliban Gouverneur der Provinz Kandahar war, ist nicht damit einverstanden, dass der Paschtunenführer Mullah Naquibullah die Stadt übernehmen soll. Er drohte sogar mit militärischer Aktion.

Als Vermittlerin in dem sich anbahnenden Konflikt bot sich indes die Türkei an. Ankara werde Kontakt zu General Dostum aufnehmen, versprach der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit am Freitag.

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