Afghanistan : Russland: Taliban bedrohen Nachbarländer

Bataillone aus Tadschikistan: Moskau sieht die Taliban in Afghanistan auf dem Vormarsch. Einhalt gebieten sollen die Ex-Sowjetrepubliken.

Elke Windisch

MoskauDie Misserfolge der Nato bei der Antiterroroperation in Afghanistan wachsen sich nach Einschätzung aus Moskau zu einer handfesten Bedrohung für die Nachbarländer aus. Das erklärte Dmitri Rogosin, Russlands Botschafter bei der Nato.

Ganz schief liegt Rogosin damit nicht. Seit die Taliban erneut auf dem Vormarsch sind, wagen sich auch radikale Islamisten in den zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken wieder aus dem Untergrund. Das nehmen die Regime dort zum Anlass, um einerseits die innenpolitischen Daumenschrauben weiter anzuziehen, andererseits den Nachbarn Inkompetenz bei der Extremismusbekämpfung vorzuwerfen.

Die Spannungen in Zentralasien eskalieren daher zusehends. Angesichts gegenseitiger Gebietsansprüche, komplizierter ethnischer Mischverhältnisse und erbitterten Gerangels um Wasser könnte ein banaler Zwischenfall einen regionalen Krieg auslösen.

Längerfristig gesehen, so der Militärexperte Viktor Litowkin, sei der Verdrängungswettbewerb, den Russland und die USA sich in Zentralasien liefern, daher kontraproduktiv. Die Nato wäre gut beraten, das Verteidigungsbündnis der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) – die Organisation für kollektive Sicherheit – als Partner anzuerkennen und sie an ihrer Afghanistan-Operation zu beteiligen. Vor allem das tadschikische und das usbekische Bataillon wären dabei „extrem hilfreich“: Teile dieser Volksgruppen leben in Afghanistan.

Es könnte die letzte Chance für die erfolgreiche Beendigung der vor über sieben Jahren angelaufenen Antiterroroperation sein. Russland verfügt über Erkenntnisse, aus denen sich zur Situation am Hindukusch ein sehr viel düstereres Bild ergibt, als das, was der westlichen Öffentlichkeit bekannt ist.

Die Taliban hätten noch immer bis zu 20 000 Mann unter Waffen, sagte der Afghanistan-Experte Viktor Korgun vom Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften. 2007 seien sie auf 54 Prozent des afghanischen Staatsgebietes „deutlich präsent“ gewesen, 2008 bereits auf 72 Prozent. Zwar sei es ihnen bisher nicht gelungen, Provinzhauptstädte dauerhaft zu halten, sie hätten jedoch in mehreren Distrikten „parallele Machtstrukturen errichtet, die effektiver und weniger korrumpiert“ seien als die der Regierung in Kabul, die vom Westen gestützt wird. Auch würden sie drei von insgesamt vier Straßen, die die Hauptstadt mit anderen Landesteilen verbinden, kontrollieren. Darunter auch die nach Pakistan führende, über die die Nato bisher den größten Anteil des Nachschubs transportierte.

Auch habe die Anzahl bewaffneter Zusammenstöße, die die Islamisten der westlichen Antiterrorkoalition aufzwingen, im vergangenen Jahr um 40 Prozent zugenommen. Dabei seien über 1400 Zivilisten getötet worden. Die antiwestliche Stimmung wachse daher. In einzelnen Regionen dächten bereits drei von vier Menschen so, sagte der Experte. Das liegt seiner Meinung nach auch daran, dass von den fast 250 Milliarden Euro Wiederaufbauhilfen 60 Prozent in die Geberländer zurückfließen oder als Verwaltungskosten zu Buche schlagen. In konkrete Projekte dagegen, die das Leben der Afghanen spürbar verbessern, würden nur etwa zwölf Prozent fließen. In anderen Krisenregionen der Welt sei dieser Anteil mehr als fünfmal so hoch. Provokativ sagte der Wissenschaftler, die Frage sei nicht mehr, ob die Taliban nach Kabul zurückkehren. Sondern nur noch wann.

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