Afghanistan : Schlimmste Befürchtungen

Nach den Anschlägen soll der US-Beauftragte Holbrooke nach Kabul kommen – ohne Zauberformel. Die Lage in Afghanistan hält Amerika für extrem schwierig.

Can Merey[dpa]

Neu-Delhi - Richard Holbrooke ist mit fast aussichtslos erscheinenden Situationen bestens vertraut. Der Architekt des Dayton-Abkommens war 1995 maßgeblich am Ende des Bosnienkrieges beteiligt. In seiner neuen Funktion als US- Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan sagte Holbrooke auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor wenigen Tagen, er habe noch nie eine so schwierige Lage wie in dieser Region vorgefunden. Die schlimmsten Befürchtungen des 67-jährigen Diplomaten dürften sich am Mittwoch bestätigt haben: Mit bislang beispiellosen Angriffen verwandelten Selbstmordkommandos der Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul in ein Schlachtfeld – einen Tag vor dem geplanten Besuch Holbrookes.

Die Angriffe, die mindestens 26 Todesopfer forderten, sind auch eine Schmach für die afghanische Polizei und Armee. Ihnen war die Aufgabe, die eigene Hauptstadt zu sichern, im vergangenen Jahr von der Internationalen Schutztruppe Isaf übertragen worden. Die Taliban bewiesen nun ein weiteres Mal, dass es der immer schwächeren Regierung von Hamid Karsai nicht einmal gelingt, in unmittelbarer Nähe des Präsidentenpalastes Anschläge zu verhindern. Dabei wurde die Innenstadt Kabuls, in der sich Besucher angesichts der Sperren und Kontrollpunkte zunehmend an Bagdad erinnert fühlen, schon längst zur waffenstarrenden Festung ausgebaut.

Ziel des „Feindes“ sei es gewesen, in die Schlagzeilen zu gelangen und zu zeigen, dass er massenhaft Menschen in Kabul töten könne, sagte der Chef des afghanischen Geheimdienstes NDS, Amerullah Saleh. Genau das ist den Aufständischen gelungen.

Trotzdem dürfte auch der Führungsrat der Taliban mit Sorge betrachten, dass die internationale Gemeinschaft und besonders die neue US-Regierung den lange vernachlässigten Problemen in Afghanistan zunehmend ihr Augenmerk schenken. Als eine der Ursachen für das drohende Scheitern der Staatengemeinschaft am Hindukusch gilt, dass der Irakkrieg wichtige Ressourcen band – es mangelte an Mitteln für den Wiederaufbau, und es fehlte an ausländischen Soldaten in Afghanistan. Doch das Bewusstsein für die eklatanten Mängel beim zivilen Wiederaufbau ist international gewachsen, und die USA wollen ihre Truppen in Afghanistan in diesem Jahr deutlich verstärken.

Eine „Zauberformel“ für Afghanistan, sagt Holbrooke, gibt es allerdings nicht. Und der US-Kommandeur für den Nahen und Mittleren Osten, General David Petraeus, meint: „Es wird noch schwieriger werden, bevor es besser wird.“

Wie verheerend die Lage bereits jetzt ist, zeigte eine zu Wochenbeginn veröffentlichte Umfrage der ARD und der britischen BBC. Demnach gehen nur noch 40 Prozent der Afghanen davon aus, dass sich ihr Land in die richtige Richtung entwickelt – vor drei Jahren waren es noch fast doppelt so viele.

Holbrooke soll nun das Steuer herumzureißen. Die „New York Times“ schrieb vor einigen Tagen über den neuen Sonderbeauftragten: „Er hat eine so schwierige Aufgabe übernommen, dass schon das schiere Vermeiden der Katastrophe der einzige Triumph sein könnte.“ 

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