Afghanistan : Schonungslose Selbstkritik

Wie US-General McChrystal ein Scheitern der Nato in Afghanistan verhindern will.

Martin Gerner[K],us

Mittlerweile ist der Geheimbericht öffentlich. US-General McChrystal, der oberste US-Kommandeur in Afghanistan, betreibt darin schonungslose Selbstkritik. „Die Isaf-Schutztruppe ist ungenügend zusammengesetzt für eine allumfassende Bekämpfung der Aufständischen, die Soldaten wissen zu wenig über die afghanischen Landessprachen und die Kultur.“ An anderer Stelle ist von wachsender Entfremdung die Rede: „Wir haben in einer Art und Weise operiert, die uns – physisch und psychologisch – von den Menschen entfernt hat, die wir beschützen wollen.“ McChrystal beschreibt damit im Grunde, worauf Hilfsorganisationen und Diplomaten seit Jahren hinweisen: Die Strategie der Nato erscheint nicht adäquat, um die erklärten Ziele zu erreichen.

Die 66 Seiten lange Analyse liegt der US-Regierung bereits seit Ende August vor und wird zurzeit von Präsident Obama und seinen Sicherheitsberatern studiert. Während der US-General mit Irak-Erfahrung für eine Verstärkung der US-Truppen in Afghanistan um mindestens 10 000 weitere Soldaten plädiert, lässt sich Obama Zeit für die Prüfung. Auch in den USA wächst die Kritik an weiteren Truppenentsendungen.

Für einen Strategiewechsel gibt McChrystal sich zwölf Monate Zeit. In dieser Zeitspanne soll unter anderem der Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte beschleunigt werden. Das bisherige Ziel – eine Aufstockung des afghanischen Militärs von 92 000 auf 134 000 Soldaten bis Dezember 2011 – will McChrystal nun bis 2010 verwirklichen. Wie dies erreicht werden soll, wird im Detail nicht erläutert. Skepsis ist angebracht. Bisherige Zeitvorgaben, auch bei der Polizeiausbildung, konnten nicht eingehalten werden. Nun steht in Afghanistan der Winter vor der Tür, für vier Monate wird sich dann erfahrungsgemäß wenig bewegen.

Das westliche Militär, so McChrystal, könne sich, sofern aus den Fehlern nicht gelernt werde, nur selbst besiegen. „Sollte es nicht gelingen, innerhalb kurzer Frist die Initiative zu übernehmen und die Stoßkraft der Aufständischen abzuwenden, während gleichzeitig die Sicherheitskompetenz Afghanistans zunimmt, droht ein Zustand, in dem eine Niederschlagung des Aufstands nicht länger möglich ist.“

Der Bericht kritisiert außerdem den hohen Grad an Korruption in Afghanistan auf allen Ebenen. Zugleich verspricht McChrystal eine engere militärische Kooperation zwischen Nato-Verbänden und afghanischem Militär. Offiziellen Bekundungen zum Trotz besteht unverändert eine Mauer des Misstrauens zwischen beiden Seiten.

Die neue Strategie, so heißt es weiter, werde den eigenen Truppen größere Risiken abverlangen. Die Nato könne nicht gewinnen, wenn sie nicht bereit sei, ein Risiko zu teilen, das mindestens ebenso groß sei wie das der Bevölkerung. Kurzfristig sei es realistisch zu erwarten, dass die Zahl der Opfer unter Afghanen und Isaf-Soldaten zunehmen wird.

Einen Gefahrenherd sieht McChrystal in den afghanischen Gefängnissen. Dort rekrutierten Taliban und Al Qaida erfolgreich Nachwuchs. Strategisch müsse dem mit einem Programm entgegengewirkt werden, das umkehrwilligen Aufständischen Anreize gebe, in den Alltag zurückzukehren und Arbeit zu finden. Der Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Radikalisierung ist von Experten längst erkannt. Auch ein Programm zur Reintegration gibt es seit Jahren. Nennenswerte Erfolge konnte die afghanische Regierung dabei bisher nicht verzeichnen. Grundsätzlich verweisen mehrere Punkte in McChrystals Bericht auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, die eine größere Koordination mit zivilen Einrichtungen und Helfern erforderlich machen.

Die Afghanen müssen Isaf Soldaten als Gäste wahrnehmen, nicht als besetzende Armee, schreibt McChrystal. Isaf-Verantwortliche müssten außerdem Unterricht in den Lokalsprachen erhalten. So komisch es klingt: Erst acht Jahre nach dem Sturz der Taliban wächst offenbar die Erkenntnis, dass militärischer Erfolg auch zwischenmenschlicher Kommunikation mit den Einheimischen bedarf.

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