Afghanistan : Schwindender Rückhalt

Amerikas Afghanistanpolitik ist in der Defensive: Auch in den USA wird der Einsatz am Hindukusch immer unpopulärer. Laut einer neuen Umfrage sagen inzwischen 51 Prozent der Amerikaner, Afghanistan sei den Kampf nicht wert.

Christoph von Marschall[Washington]
US-Truppen in Afghanistan
US-Truppen in Afghanistan. -Foto: dpa

Langsam, aber stetig wendet sich in den USA die Stimmung gegen den Krieg in Afghanistan. Ein Auftritt Richard Holbrookes ist symptomatisch für den Wandel. Der Sonderbeauftragte der Obama- Regierung für Afghanistan und Pakistan sprach am Donnerstagabend beim Jahresempfang von Radio Free Europe / Radio Liberty (RFE/RL) im Newseum in Washington und verglich die Lage am Hindukusch mit den schlimmsten Zeiten des Völkermords in Ruanda. Wie damals in Afrika riefen heute in Afghanistan und Pakistan „Hass-Sender“ zum Morden auf. Anschließend würden die Namen derjenigen verlesen, die demnächst geköpft werden sollen.

Ruanda, wo die Welt untätig blieb, als Vergleichsmaßstab für Afghanistan, wo die Nato seit acht Jahren zehntausende Soldaten im Einsatz hat, um die Lage zu stabilisieren? Holbrooke wollte mit seiner abschreckenden Schilderung zu verstärkten Anstrengungen aufrufen und die Ausweitung des Programms von RFE/RL auf die Stammesregionen im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan in den Landessprachen Paschtu und Dari als wegweisend loben. Die Hörerpost an RFE/RL in Afghanistan, mehrere hundert Briefe wöchentlich, beweise, dass ein Großteil der Bevölkerung auf moderate Politik und Pluralismus setze. Doch zugleich belegt seine Lagebeschreibung, wie ungehindert die Radikalen agieren können. Für Holbrooke ist das kein Grund zu Kleinmut. Er hat Serben, Muslimen und Bosniaken 1996 in Dayton einen Friedensvertrag zu seinen Bedingungen aufgezwungen. Er gilt als harter Hund in der internationalen Diplomatie.

Doch Amerikas Afghanistanpolitik ist in der Defensive. Das lässt sich auch daran ablesen, wozu Holbrooke bei seinem Auftritt nichts sagt: zum Beispiel den Fälschungsvorwürfen bei den Wahlen. Erste Meldungen über Unregelmäßigkeiten hatte er Anfang September noch als Geburtswehen der Demokratie heruntergespielt und Afghanistans Auszählungsprobleme scherzhaft auf eine Stufe mit denen in den USA gestellt: In Minnesota dauerte es jüngst acht Monate, bis der Sieger der Senatswahl endgültig feststand. Heute, da der Vorwurf im Raum steht, in Afghanistan sei jede vierte Stimme gefälscht, scheut er solche Vergleiche.

Umfragen belegen, wie unpopulär der Einsatz in Afghanistan in den USA mittlerweile ist. Für Präsident Obama ist dies „der richtige Krieg“ im Gegensatz zu Irak. Aber die Zahl der Amerikaner, die ihm dabei folgen, sinkt. Laut einer neuen Umfrage der „Washington Post“ und des Senders ABC sagt inzwischen eine Mehrheit, 51 Prozent, Afghanistan sei den Kampf nicht wert. 46 Prozent stehen noch hinter dem Einsatz. Acht Jahre nach dem Angriff auf Amerika an 9/11, den Al Qaida in Afghanistan geplant und vorbereitet hatte, misst nur noch eine knappe Mehrheit, 48 Prozent, Afghanistan eine zentrale Rolle im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu. 45 Prozent meinen dagegen, die USA könnten in der Auseinandersetzung mit dem Terror bestehen, ohne in Afghanistan zu siegen.

Die Militärs fordern zusätzliche Einheiten, aber dafür fehlt der Rückhalt der Bürger in allen politischen Lagern. Nur 17 Prozent der Demokraten sind dafür, 27 Prozent der Parteiunabhängigen und selbst bei den Republikanern nur 39 Prozent. Seit der von Obama im März verfügten Aufstockung der Truppen ist die monatliche Zahl der Taliban-Angriffe und der amerikanischen Opfer auf den höchsten Stand seit Kriegsbeginn 2001 gestiegen. Aus Sicht des Pentagon ein Grund, die Anstrengungen zu verstärken. Auch im Irak hat erst die unpopuläre Truppenverstärkung von 130 000 auf 160 000 im Wahljahr 2008 die Wende gebracht. In Afghanistan mit seinen viel komplizierteren Bedingungen – sowohl was das bergige Terrain als auch die ethnische Vielfalt betrifft – werden zum Jahresende 68 000 US-Soldaten stehen. Den meisten Bürgern, sagt der demokratische Abgeordnete Ted Kaufmann aus Delaware, „kommen die acht Jahre (seit Kriegsbeginn) wie eine Ewigkeit“ vor. „Und jetzt bittet die Regierung um mehr Soldaten? Da fragen die Leute: Was ist da los?“

Noch hat Obama freilich einen Vertrauensvorschuss. Im Kampf gegen den Terror sagen 49 Prozent, sie hätten mehr Vertrauen zu ihm als zu den Republikanern. Denen geben 39 Prozent den Vorzug. Doch im Juni lauteten die Zahlen noch 55 zu 34 Prozent zu Obamas Gunsten.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben