Afghanistan : Sicherheitslage behindert deutsche Projekte

Die Sicherheitslage in Afghanistan behindert die Entwicklungszusammenarbeit. Viele Projekte können derzeit nur noch "aus der Distanz" betreut werden.

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Das Gästehaus der Organisation "Operation Mercy" in Kabul.
Das Gästehaus der Organisation "Operation Mercy" in Kabul.Foto: Rahmat Gul/AP/dpa

Afghanistan wird für Helfer immer gefährlicher. Eine am Wochenende entführte Finnin blieb auch Montag verschwunden. Noch ist unklar, ob die Frau von Lösegelderpressern verschleppt wurde oder in die Hände islamistischer Kämpfer gefallen ist. Die Angreifer waren in der Nacht zu Sonntag in Kabul in das Gästehaus der kleinen schwedischen Hilfsorganisation „Operation Mercy“ eingedrungen, hatten eine deutsche Mitarbeiterin und einen afghanischen Wachmann getötet und die Finnin verschleppt. Eine dritte Helferin konnte sich im Gebäude verstecken. Der Vorfall wirft nicht nur Fragen zur Sicherheitslage in Afghanistan auf – er zeigt auch, wie schwierig die Entwicklungszusammenarbeit mit dem Land ist.

Die Bundesregierung investiert jährlich rund 430 Millionen Euro in Entwicklungsprojekte in Afghanistan. Doch die Zusammenarbeit gestaltet sich immer schwieriger. Aufgrund erhöhter Sicherheitsmaßnahmen werde die Umsetzung einiger Projekte „schwieriger, langwieriger und auch kostenintensiver“, sagte ein Sprecher des Entwicklungsministeriums dem Tagesspiegel. Einzelne Projekte würden verstärkt aus der Distanz und durch nationales Personal betreut. „Dies ist zum Beispiel in der Provinz Kundus der Fall. Dort sind keine internationalen Mitarbeiter mehr tätig.“

Kundus gehörte bis zum Herbst 2013 zum Kommandogebiet des deutschen Einsatzkontingents der internationalen Afghanistan-Schutztruppe. Nach dem Abzug der Bundeswehr aus der nordafghanischen Provinz haben die Taliban ihre Einflusssphäre dort deutlich ausgeweitet.

Leben hinter Mauern und mit Alarmknöpfen

Die Ereignisse des Wochenendes zeigen, dass Helfer selbst in der afghanischen Hauptstadt Kabul nicht mehr sicher sind. Die staatliche Entwicklungsagentur GIZ ist dabei, ihre Büros und Wohnungen in einen sogenannten Compound, eine schwer bewachte, ummauerte Anlage zu verlagern. 2015 war eine GIZ-Mitarbeiterin in Kabul vor einem Büro der Organisation aus ihrem Fahrzeug heraus entführt worden. Nach zwei Monaten kam sie frei.

Die Deutsche Welthungerhilfe sieht derzeit dennoch keinen Anlass, ihr Sicherheitskonzept weiter zu verschärfen. Sie betreibt zehn Projekte in vier afghanischen Provinzen, die von zwei deutschen Mitarbeiterinnen von Kabul aus gesteuert werden. „Wir werden unsere Projekte auch weiterhin besuchen“, sagte Projektkoordinatorin Julia Broska dem Tagesspiegel. Reisen würden allerdings diskret und spontan organisiert. Abstriche bei der Qualität der Projekte sind aus ihrer Sicht angesichts dieser Umstände nicht zu vermeiden. Es fänden sich auch immer weniger Experten, die bereit seien, nach Afghanistan zu gehen.

Broska und ihre Kollegin leben ähnlich wie die Mitarbeiter von „Operation Mercy“ in einem Gästehaus in der Innenstadt Kabuls. Das Haus der Welthungerhilfe verfügt über einen sogenannten Saferoom mit Stahltüren, in dem sich die Frauen bei Gefahr verbarrikadieren können. Außerdem sind Alarmknöpfe installiert, über die sich Personal und Bewohner warnen können. Bewaffnete Wachen beschäftigt die Welthungerhilfe jedoch aus Prinzip nicht. „Das ist mit unserem Selbstverständnis als zivile Helfer nicht zu vereinbaren“, sagt Julia Broska.

Gezielte Angriffe auf christliche Organisationen

Viele andere, vor allem kleinere Hilfswerke haben sich nach Auskunft Broskas wegen der Sicherheitslage inzwischen aus Afghanistan zurückgezogen. „Operation Mercy“ will aber auch nach dem Überfall ihres Gästehauses bleiben. Bei der Organisation handelt es sich um ein christliches Hilfswerk. Ob der Angriff mit der religiösen Ausrichtung zusammenhängt, ist unklar. Christlichen Helfern wird in Afghanistan immer wieder vorgeworfen, sie wollten missionieren. Eine Sprecherin von „Operation Mercy“ betonte, man habe zwar christliche Prinzipien, die meisten Mitarbeiter seien aber Muslime. Das Hilfswerk arbeite seit zehn Jahren ohne Probleme in Afghanistan. Auch die getötete Deutsche sei sehr erfahren gewesen. Sie betreute ein Alphabetisierungsprogramm.

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