Politik : Afghanistan: Spurensuche

Malte Lehming

Wo sich der Terror-Fürst Osama bin Laden derzeit versteckt hält, ist unbekannt. Zuletzt gesehen wurde er am vergangenen Freitag in der Region um Tora Bora, einer weit verzweigten Bergfestung in Ostafghanistan. Dort soll sich bin Laden mit etwa 2000 Kämpfern seiner Terrororganisation Al Qaida verschanzt haben. Die mutmaßlichen Eingänge der Höhlen werden seit fünf Tagen unermüdlich von amerikanischen Flugzeugen bombardiert. Die US-Bombardements dienen zwei Zielen. Zum einen sollen Fluchtversuche verhindert, zum anderen die gegnerischen Einheiten auseinander gesprengt werden. Das wiederum soll den rund 3000 Soldaten des lokalen Milizenführers Hazrat Ali, die seit Mittwoch offensiv auf die Höhlefestung Tora Bora vorrücken, die Arbeit erleichtern.

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
Afghanistan: Wege jenseits der Bomben
Bundeswehr-Einsatz: Deutschland und der Krieg
Fotostrecke: Krieg in Afghanistan
Die Milizen sind doppelt motiviert. Auf den Kopf von bin Laden hat die US-Regierung eine Belohnung von 25 Millionen Dollar ausgesetzt, für afghanische Verhältnisse eine fast unvorstellbar hohe Summe. Offenbar sind viele Menschen bereit, ihr Leben dafür zu riskieren. Hinzu kommt, dass die "arabischen" Terroristen, die sich um bin Laden versammeln, von der einheimischen Bevölkerung als ungeliebte Invasoren verachtet werden.

Mehrere Dutzend amerikanische Elitesoldaten dirigieren sowohl die Flugzeuge als auch die afghanischen Bodentruppen. Sie sind mit Nachtsichtgeräten, Wärmekameras und Sensoren ausgerüstet, die selbst schwache unterirdische Vibrationen registrieren. Scanner können Magnetfelder von Waffen aufzeichnen, die in den Tunnelanlagen womöglich gehortet werden. Die Gegend um die Weißen Berge ist unwirtlich. Die Pässe sind verschneit und unpassierbar. Eine Flucht der Terroristen nach Pakistan ist schwierig geworden. Sie sitzen in einem Kessel und leisten erbittert Widerstand. Bei den Bombenangriffen getötet wurde angeblich bereits der "Terror-Doktor" Ayman al-Zawahiri, die rechte Hand von bin Laden. Er hatte vor 25 Jahren in Ägypten den "Islamischen Dschihad" gegründet, der seit 1998 mit "Al Qaida" verbündet ist.

Besorgnis haben in den USA vor allem Berichte von gefangenen "Al-Qaida"-Mitgliedern ausgelöst. Denen zufolge hat bin Laden weit intensiver versucht, an Atomwaffen heranzukommen, als bisher vermutet worden war. Ein Zeuge beschrieb, wie im vergangenen Jahr bei einem Treffen der "Al Qaida" ein Kanister mit radioaktivem Material gezeigt worden war. Genährt werden die Befürchtungen auch von entsprechenden Notizen, die der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA vor kurzem in Kabul fand. CIA-Direktor George Tenet war deshalb am vergangenen Wochenende nach Pakistan gereist. Dort werden seit längerer Zeit zwei ehemalige Nuklearwissenschaftler verhört, die enge Beziehungen zu bin Laden gehabt haben sollen.

Als eher unwahrscheinlich gilt unter Experten, dass die Terroristen bereits über Atomwaffen verfügen. Möglich sei allerdings, dass sie eine so genannte "schmutzige Bombe" herstellen können. Dafür wird herkömmlicher Sprengstoff mit radioaktivem Material angereichtert. Das Verfahren gilt als relativ einfach. Bei der Zündung findet zwar keine Nuklearexplosion statt, aber der Grad der radioaktiven Verseuchung kann je nach verwendetem Material durchaus hoch sein.

In Amerika wird diese Gefahr sehr ernst genommen. Laut "Washington Post" hat US-Vizepräsident Dick Cheney auf Grund einer Atom-Warnung schon mindestens einmal einen Termin platzen lassen und wurde an einen "sicheren Ort außerhalb Washingtons" gebracht.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar