Politik : "Afghanistan steht vor der Irakisierung"

Londoner Experten warnen vor neuem Krieg

Thomas Gack

Brüssel/Berlin - Selbstmordattentate, Entführungen, Bombenanschläge und Enthauptungen – Afghanistan steht vor einer „Irakisierung“: Das ist die Schlussfolgerung des sicherheitspolitischen Londoner Think-Tanks „Senlis“ in seiner gerade veröffentlichten Afghanistan-Studie. Im Februar und März sind die Sicherheitsexperten durch Südafghanistan gereist. Ihre Bilanz ist alarmierend: Der Süden drohe in einen „Zustand organisierter Gewalt“ abzugleiten. In der Provinz Helmand herrsche Krieg. Ganze Distrikte seien der Regierung entglitten und würden von einer fatalen Koalition aus alten Warlords, Taliban und Drogenhändlern kontrolliert.

Die Hauptursache sehen die Experten in der verfehlten Drogenpolitik der Amerikaner. Diese setzten auf die gewaltsame Zerstörung der Mohnfelder – und damit der Lebensgrundlage der bettelarmen Bauern. Das treibe diese in die Arme der Taliban. Das sieht auch der grüne Verteidigungsexperte Winfried Nachtwei so. Er befürchtet die Bildung einer „Drogen-Volksfront“, die auch für die Bundeswehr „enorm gefährlich“ werden könnte. In der Tat wurde das neue Lager der Bundeswehr im nordafghanischen Masar-i-Scharif vor einer Woche zum ersten Mal angegriffen. Bereits am Samstag war eine Rakete auf Camp Marmal abgeschossen worden, die aber zwei Kilometer vor dem Lager explodierte.

Mitte März waren vier Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens von Taliban entführt und ermordet worden. Die Leichen des Deutschen und der drei Mazedonier wurden an der Straße zwischen Kandahar und Laschkar Gar im Süden des Landes platziert, die Tat selbst führt der Bericht als ein Beispiel für die verstärkte Aktivität der Taliban an. Sie sei „gut geplant und präzise ausgeführt“ worden. Die Taliban seien bei ihrer „Frühjahrsoffensive“ zum „klassischen psychologischen Terror“ übergegangen. Der frühere Chef des Nato-Militärausschusses, Klaus Naumann, macht dafür auch Fehler von UN, Nato und Hilfsorganisationen verantwortlich. „Sie arbeiten ohne koordinierten Plan vor sich hin“, sagte er den „Neuen Osnabrücker Nachrichten“.

Die Provinz Helmand im Süden Afghanistans ist etwa so groß wie Baden-Württemberg. In dem unwegsamen Gebiet leben aber nur etwas mehr als eine Million Menschen, fast alle sind Paschtunen. 61 Prozent der Jungen und 80 Prozent der Mädchen haben auch fünf Jahre nach dem Sturz der Taliban keine Möglichkeit, in die Schule zu gehen. Nur 14 Prozent der Erwachsenen können lesen und schreiben. Fast alle leben von der Landwirtschaft – ein bisschen Getreide zwischen großen Mohnfeldern. Rund 50 Prozent des Einkommens in Helmand entstehen durch Opium, das über die nahe Grenze nach Pakistan und dann in die Kanäle des internationalen Drogenhandels geschleust wird.

Die Versuche westlicher Helfer, den Mohnanbau durch legale Agrarprodukte zu ersetzen, seien gescheitert, heißt es in der Senlis-Studie. Die versprochene finanzielle Hilfe, als Ersatz für Drogeneinkünfte, sei zu langsam oder gar nicht geflossen. Die Bauern setzen auf die sichere Einnahmequelle – und bauen wieder Mohn an. Denn für ein Kilo Weizen werden 20 Cent bezahlt, für ein Kilo Opium aber 140 US-Dollar.

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