Afghanistan : Südkorea in der Geiselfalle der Taliban

In Südkorea herrscht Entsetzen nach dem erneuten Tod einer Geisel in Afghanistan. Die Taliban haben ein neues Ultimatum gestellt und drohen mit weiteren Morden. Südkorea und Afghanistan stecken in einem Dilemma: Nachgeben oder weitere Erschießungen riskieren?

Markus Mechnich
Afghanistan Geiseln
Wut und Trauer: In Südkorea herrscht Bestürzung nach der Ermordung einer weiteren Geisel. -Foto: AFP

BerlinDer Schock nach dem Auffinden der zweiten erschossenen Geisel sitzt tief in Südkorea. Wut und Trauer bestimmen den Ton in den Medien. Die Regierung in Seoul schwört Rache für den Mord. "Die Regierung macht deutlich, dass sie keine weiteren Handlungen zum Schaden unschuldiger Koreaner dulden und die Täter dafür zur Verantwortung ziehen wird", erklärt das Präsidialamt trotzig. Doch die Mittel sind begrenzt. National wie international ist die Richtung klar: standhaft bleiben. Doch wie viele Leichen hält die südkoreanische Regierung aus?

Der selbsternannte Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi verkündete unterdessen ein weiteres Ultimatum bis morgen 12 Uhr. Bis dahin haben die Regierungen in Kabul und Seoul Zeit, die Forderungen der Geiselnehmer zu erfüllen. "Wenn sie die Angelegenheit bis dahin nicht regeln, werden mehr Geiseln getötet werden", sagte Ahmadi gegenüber Nachrichtenagenturen. Die Entführer wollen die Freilassung von 23 Taliban-Gefangenen aus afghanischen Gefängnissen und den Abzug der südkoreanischen Truppen aus dem Land.

Südkorea ist mit einem verhältnismäßig kleinen Kontingent von 200 Soldaten am Afghanistan-Einsatz beteiligt. Keiner davon nimmt an Kampfeinsätzen der vornehmlich von den Amerikanern geführten Operation "Enduring Freedom" teil. Sie unterstehen vielmehr der Isaf-Truppe der Nato, die den Wiederaufbau des Landes vorantreiben soll. Im bisherigen Verlauf hatte Südkorea nur den Verlust eines einzigen Soldaten zu beklagen.

Standhaft bleiben um jeden Preis?

Sollten jetzt im Rhythmus von zwei Tagen weitere Geiseln erschossen werden, dann dürfte der derzeitige Kurs schwer zu halten sein. Die Bilder der weinenden Mutter des 29-jährigen Shim Sung-Min haben die Regierung in Seoul ins Herz getroffen. Weitere Bilder dieser Art könnten die Stimmung in Südkorea endgültig zum Kippen bringen. Mit einem Abzug der koreanischen Truppen hätten die Taliban allerdings eine großen Sieg errungen. Das dürfte keiner der an der Koalition beteiligten Nationen gefallen, denn dadurch würde die Taliban-Taktik bestätigt. Ausländer würden am Hindukusch noch mehr in Gefahr geraten als bisher ohnehin schon.

Dass die Forderungen erfüllt werden, ist daher eher unwahrscheinlich. Mit dem Eingehen auf die Forderungen von Geiselnehmern hat man in Afghanistan keine guten Erfahrungen gemacht. Im Oktober 2006 wurde der italienische Journalist Daniele Mastrogiacomo in der Provinz Helmand entführt. Nach monatelangen Verhandlungen wurden im März dieses Jahres fünf Taliban-Häftlinge im Austausch gegen den Italiener freigelassen. International brachte die Aktion Afghanistans Präsident Hamid Karsai viel Kritik ein. Er habe sich erpressbar gemacht, so der Vorwurf. Kriminelle, Taliban und Al-Qaida-Terroristen würden durch solche Aktionen erst recht zu neuen Verbrechen ermutigt. Auch damals war das Nachgeben nur bedingt erfolgreich: Der afghanische Fahrer des Journalisten und sein Übersetzer wurden trotzdem getötet.

Verschärfte Sicherheitslage

Seit dem Tod des blutrünstigen Talibanführers Mullah Dadullah im Mai dieses Jahres hat sich die Situation weiter verschärft. Dadullah wurde bei einem Gefecht im Süden des Landes von Koalitionstruppen getötet. Die Taliban schworen nach dem für sie herben Verlust bittere Rache. "Für dieses kleine Vergnügen werden die Feinde viel um ihre Freunde weinen", hieß es damals auf der Website. Die Drohung, Anschläge und Attentate künftig auch im bisher eher ruhigeren Norden des Landes zu verüben, machten die Taliban wahr.

Die Lage wird für die zahlreichen Sicherheits- und Geheimdienste im Land am Hindukusch deshalb immer schwieriger. Ähnlich wie im Irak hat sich dort eine regelrechte "Entführungsindustrie" gebildet. Die Forderungen sind oft widersprüchlich. Zu einer Entführung melden sich oft unterschiedliche Bekenner mit verwirrenden Aussagen. Politische Bedingungen, wie die Freilassung von Kampfgenossen oder den Abzug der Truppen eines Landes, kommen vornehmlich aus dem Lager der Taliban. Diese haben in Europa zahlreiche Späher positioniert und beobachten genau die Resonanz der Entführungen und die Stimmung in den westlichen Medien.

Deutschland wackelt

Hinzu kommen Trittbrettfahrer, einfache Kriminelle und die immer noch mächtigen Stammesfürsten Afghanistans. Bei solchen Entführungen geht es meist lediglich um Geld. Nicht selten arbeiten die Taliban und ihre kriminellen "Kollegen" auch zusammen. Wer dann das Sagen hat, ist für die Geheimdienste daher schwer zu beurteilen.

Seit dem Tod von drei deutschen Soldaten am 19. Mai in Kundus steht Deutschland besonders im Fokus. Die Stimmung hier im Lande gilt als "auf der Kippe". Taliban und Al Qaida sehen jetzt die Chance, Deutschland zum Einknicken zu bewegen, auch weil im Herbst der Bundestag über eine Verlängerung des Einsatzes in Afghanistan entscheidet. Deutschland gilt momentan als schwächste Stelle der westlichen Allianz. Als Albtraum bezeichnen Geheimdienstleute denn auch die mögliche Entführung von Bundeswehrsoldaten. Ein solcher Vorfall würde die Belastbarkeit der Deutschen auf eine ultimative Probe stellen. (mit dpa/AFP)

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