Politik : Afghanistan: Taliban-Gegner auf dem Vormarsch

Elke Windisch

Die Unesco-Beauftragten, die Generaldirektor Koishiro Matsuda am Samstag in Marsch setzte, um die Vernichtung vorislamischer Kunst in Afghanistan zu verhindern, kommen wahrscheinlich zu spät: Das russische Staatsfernsehen berichtete am Samstagabend, die Taliban hätten im Nationalmuseum von Kabul mehrere Hundert Buddha-Statuen zerstört. Für die Sprengung der zwei berühmtesten Buddhas im Höhlenkloster von Bamian, das die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt hatte, seien bereits Vorbereitungen für die Sprengung mit Dynamit getroffen worden, erklärte der der Taliban-Botschafter in Pakistan, Maulvi Abdul Salam, gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur Efe.

Hintergrund:
Stichwort: Die Buddha-Statuen von Bamiyan Die Taliban begannen ihren Siegeszug 1994 mit Hilfe Pakistans

Am Freitag hatten die Taliban die Skulpturen erfolglos mit Panzerkanonen attackiert, Die ganze Aktion - die Taliban hatten zu Beginn letzter Woche alle vorislamischen Kunstwerke in Afghanistan zu einer "Beleidigung Allahs" erklärt - soll nach Worten Salams in vier Tagen "erfolgreich beendet werden". Zur Zerstörung freigegeben wurden neben den buddhistischen Kunstwerken aus den ersten fünf Jahrhunderten unserer Zeitrechnung auch Fresken und Wandmalereien aus der gräkobaktrischen Zeit (300 v. Chr.) und der Manichäer - einer Spielart der Lichtreligion Zarathustras, die in Afghanistan bis 900 weit verbreitet war.

Chancen, die Taliban von dem verbrecherischen Vorhaben abzubringen, gegen das sich in seltener Einmütigkeit auch die 54 Staaten der Islamischen Konferenz aussprachen, sind gering. Sogar Vorhaltungen Pakistans, das die Taliban Mitte der 90er Jahre aufrüstete, blieben bisher erfolglos. Die militanten Koranschüler - Talib bedeutet "Student" - sind der Kontrolle durch ihre einstige Schutzmacht längst entglitten. Mit der Zerstörungsorgie wollen sie die Weltöffentlichkeit offenbar dazu zwingen, die Probleme des durch über zwanzigjährigen Bürgerkrieg verheerten Landes zu lösen, die sich in den fünf Jahren ihrer Herrschaft zu einer Katastrophe verdichtet haben und sie jetzt selbst mit in den Abgrund reißen könnten.

Erklärtes Ziel der Taliban ist ein islamischer Gottesstaat in ganz Zentralasien. Um die Kriegskassen dafür zu füllen, rekrutierten die Taliban zwangsweise gut 80 Prozent der Bevölkerung für Drogenhandel und Opiumanbau. Entsprechend reduzierte sich die Anbaufläche für Getreide. Durch die Trockenheit im letzten Sommer verfügt Afghanistan gegenwärtig nur über ein Fünftel des zum Überleben benötigten Minimums an Brotgetreide. Importe sind durch das Luftembargo als Teil der UN-Sanktionen von Dezember so gut wie unmöglich.

Hunger trieb bereits die Bevölkerung ganzer Regionen zur Flucht. Allein an der Grenze zu Iran konzentrieren sich momentan bis zu zwei Millionen Flüchtlinge. Im Norden, an der Grenze zu Tadschikistan sind es inzwischen rund 150 000. Die Mehrheit von ihnen musste ihre Häuser verlassen, weil hier gegenwärtig die Front verläuft. Den Taliban, die sich auf die paschtunische Bevölkerungsmehrheit im Süden stützen, gehören momentan rund 80 Prozent Afghanistans. Den Rest kontrolliert die Nordallianz - ethnische Tadschiken, die nach dem Sturz von Moskaus Marionette Nadschibullah 1992 die wichtigsten Ämter in einer Koalitionsregierung unter Präsident Rabbani innehatten. Sie zerbrach bereits nach einem Jahr: Paschtunenführer Gulbeddin Hekmatyar, unter Rabbani Premier, lieferte ihnen mit seiner Hausmacht blutige Gefechte. Das führte 1994 zu einer Quasi-Zweiteilung des Landes und rief ein Jahr später die Taliban auf den Plan.

Die Nordallianz wird inoffiziell von Russland, Iran und Indien unterstützt und ist jetzt erneut auf dem Vormarsch. Ihr Führer, General Ahmad Schah Massud, unter Rabbani Verteidigungsminister, sondiert momentan mit General Abdurraschid Dostum, dem Führer der starken usbekischen Minderheit im Nordwesten, und mit General Chalili, dem Führer der zentralafghanischen Hazará, eine Neuauflage der 1998 zerbrochenen Koalition. Noch wichtiger aber ist, dass Massud erneut mit Hekmatyar verhandelt. Für eine Erneuerung ihres Bundes spricht zum einen massive Unzufriedenheit paschtunischer Clanchefs mit der Wirtschaftspolitik der Taliban. Dazu kommen traditionelle Rivalitäten zwischen den beiden größten Stammesgruppen der Paschtunen - den Durrani, zu denen der einäugige Talibanchef Muulah Mohammed Omar gehört, und den Gilsai, dem Stamm Nadschibullahs und Hekmatyars.

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