Afghanistan : Tote und Verletzte bei Protesten wegen Koranschändung

Auf der US-Militärbasis Bagram sind Exemplare des Koran verbrannt worden. Die Ausschreitungen im Land werden auch von Islamisten instrumentalisiert.

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Demonstranten in Kabul.
Demonstranten in Kabul.Foto: dpa

Berlin - Seit Dienstag protestieren Tausende Afghanen auf den Straßen von Kabul, Dschalalabad und anderen Orten, mehrere Menschen sind bereits bei den Demonstrationen gestorben. Auf der US-Militärbasis Bagram nahe der afghanischen Hauptstadt hatten Soldaten offenbar mehrere Exemplare des Koran verbrannt, ein Umstand, der auch in anderen muslimischen Ländern schwere Ausschreitungen nach sich gezogen hätte. Allerdings sind die Demonstrationen in Afghanistan jetzt nicht nur religiös motiviert, vermutet Thomas Ruttig. „Das islamistische Lager“, sagt der Co-Direktor des Kabuler Thinktanks Afghanistan Analysts Network (AAN), „instrumentalisiert die spontane Empörung und die Proteste für sich.“

Ein Mitarbeiter von AAN skizziert in einem Bericht über die Sitzung des afghanischen Parlaments vom Mittwoch tumultartige Szenen. Einzelne Abgeordnete hätten zum Heiligen Krieg gegen die Nato-Truppen aufgerufen, andere fordern Rache und Vergeltung. Mitglieder der Wolesi Dschirga, die besonders martialisch die Verteidigung des Islam propagierten, seien „diese Warlords“ gewesen, die bereits in Kabul „viele unschuldige Menschen getötet“ hätten, heißt es in der Analyse weiter.

Es ist kein Geheimnis, dass in Afghanistan auch in Parlament und Regierung islamistische Kräfte vertreten sind, die kein Interesse an Stabilität und einer demokratischen Entwicklung des Landes haben. Ereignisse wie in Bagram geben ihnen weiter Auftrieb. Dazu kommen die Wut und Enttäuschung über nächtliche brutale Einsätze der Koalitionstruppen und andere Vorfälle wie ein Video von der Leichenschändung durch US-Soldaten vor einiger Zeit. Einem Reuters-Reporter sagt ein 18-Jähriger in Kabul: „Wenn die Amerikaner uns derartig erniedrigen, dann schließen wir uns lieber den Taliban an.“

Außerdem nehme „die Tendenz zu, alle Ausländer in einen Topf zu werfen“, sagt Ruttig, was sich entsprechend auf die Arbeit von Hilfsorganisationen auswirkt. In Kabul und Dschalalabad ist nun die Bewegungsfreiheit westlicher Helfer stark eingeschränkt worden, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, UN und Botschaftspersonal müssen demnach in ihren Büros oder Wohnungen bleiben. Ob sich die Situation beruhigen oder die Spannungen auf das ganze Land übergreifen werden, wird wohl erst Ende der Woche nach dem Freitagsgebet abschätzbar sein.

Völlig unbegreiflich ist vielen Beobachtern, wie es überhaupt zu der Situation kommen konnte. „Nach zehn Jahren Afghanistan-Einsatz müsste man wissen, dass man keine religiösen Bücher verbrennt“, sagt der Wissenschaftler Nils Wörmer, der selbst im Land gearbeitet hat. Dass sich US-General John Allen noch am Dienstagabend entschuldigt hat, helfe da nicht mehr viel. Ruth Ciesinger

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