Politik : Afghanistan: Unsichtbare Katastrophe

Ulrike Scheffer

Mit den acht Lastwagen des Welternährungsprogramms ist ein Funke Hoffnung nach Kabul zurückgekehrt. Insgesamt 218 Tonnen Weizen erreichten am Montag die afghanische Hauptstadt - 50 Kilogramm für jede Not leidende Familie. Damit müssen die eine Million Menschen in der Stadt bis Ende Oktober auskommen. Ob es dann, unmittelbar vor dem Winter, weitere Hilfslieferungen bis zu ihnen schaffen werden, ist ungewiss. Nach den Anschlägen in den USA mussten alle Hilfsorganisationen ihre ausländischen Mitarbeiter aus Afghanistan abziehen, die Lebensmittellieferungen wurden eingestellt. Angesichts der humanitären Tragödie in dem Bürgerkriegsland hat das UN-Programm jedoch beschlossen, mit lokalen Helfern die Lieferungen wieder aufzunehmen, auch wenn die Gefahr besteht, dass die Taliban die Lebensmittel beschlagnahmen, um sie an ihre Truppen zu verteilen.

Thomas Ruttig von der Sondermission der Vereinten Nationen für Afghanistan, der derzeit in Pakistan festsitzt, glaubt, dass die Not in Zentralafghanistan am größten ist. "Hier sind die Folgen der dreijährigen Dürre am schlimmsten. Bis zu einer Million Menschen mussten allein in dieser Region ihre Dörfer verlassen, weil sie nichts mehr zu essen und auch kein Wasser mehr haben", sagte der Deutsche dem Tagesspiegel. Die meisten lebten nun in Flüchtlingslagern, die allerdings seit dem 11. September von der Außenwelt abgeschnitten seien. "Wir wissen nicht genau, was dort zurzeit geschieht, es ist jedoch wahrscheinlich, dass sich hier Szenen abspielen, wie wir sie von Hungerkatastrophen in Afrika kennen", so Ruttig.

Außer Nahrungsmitteln fehlen vor allem Medikamente und medizinische Betreuung, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern. Möglicherweise ist dies längst geschehen. "Aber auch außerhalb der Lager spielt sich eine Katastrophe ab. Viele Flüchtlinge sind offenbar so entkräftet, dass sie irgendwo auf dem Land stecken bleiben, weil sie einfach nicht mehr weiter können", sagt Ruttig. Insgesamt sollen in ganz Afghanistan rund zwei Millionen Menschen auf der Flucht sein. Um sie zu retten, müssten Woche für Woche mehrere tausend Tonnen Lebensmittel ins Land gelangen. Daran ist trotz des erfolgreichen Transports des Welternährungsprogramms vom Montag wohl nicht zu denken.

Trotz der Wiederaufnahme der Hilfslieferungen nach Afghanistan warnten die Vereinten Natione vor den Folgen des drohenden Wintereinbruchs. "In den nächsten paar Wochen" sollten möglichst viele Lebensmittel in eine möglichst große Region gebracht werden, sagte der UN-Koordinator für humanitäre Angelegenheiten, Kenzo Oshima, am Montag im pakistanischen Islamabad. Der für Mitte November erwartete Wintereinbruch werde die Hilfslieferungen für die sechs Millionen bedürftigen Afghanen aber wahrscheinlich unterbrechen, warnte Oshima: "Unsere Zeit ist begrenzt. Da die ersten sechs Lastwagen mit 200 Tonnen Getreide auf dem Weg nach Kabul nicht behindert worden seien, würden umgehend weitere Hilfslieferungen folgen, sagte ein UN-Sprecher im pakistanischen Peshawar. Die neuen Lieferungen galten als Test, ob die Hilfe auch tatsächlich sicher bei den Bedürftigen ankommt. Oshima drängte die Taliban zu Sicherheitsgarantien für die Rückkehr der UN-Mitarbeiter.

Auch Russland kündigte indes humanitäre Hilfe für die afghanischen Flüchtlinge an. An diesem Dienstag solle der erste von drei Konvois über die angrenzende GUS-Republik Tadschikistan auf den Weg gebracht werden, sagte Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu nach Angaben der Nachrichtenagentur RIA Novosti. Die britische Regierung schickte am Montag eine erste Hilfslieferung Richtung Afghanistan. (mit AFP)

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