Afghanistan : Verschlafenes Problem

Die Drogenproduktion am Hindukusch gefährdet die Stabilität – noch immer gibt es kein Konzept, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Sarah Kramer,Ulrike Scheffer

BerlinWenn es bei der Münchener Sicherheitskonferenz um Afghanistan geht, wird neben dem Thema Sicherheit vor allem eine Angelegenheit ganz oben der Agenda stehen: Es ist die Frage, wie die internationale Staatengemeinschaft den Drogenanbau am Hindukusch in den Griff bekommt. Afghanistan ist der weltweit führende Hersteller von Rohopium, dem Grundstoff von Heroin. Obwohl die Anbaufläche von Schlafmohn, aus dem Opium produziert wird, laut aktueller Studie der Vereinten Nationen (UN) und der afghanischen Regierung 2008 um 19 Prozent zurückgegangen ist, stammen derzeit 93 Prozent der globalen Opiumproduktion aus dem Land am Hindukusch.

Offenbar konnte auch eine stetig wachsende internationale Militärpräsenz in Afghanistan diese Entwicklung nicht verhindern: Seit 2003 hat sich die Drogenproduktion mehr als verdoppelt. Für die internationalen Truppen ist das ein Problem: Sie ist nicht nur Haupteinnahmequelle von lokalen Drogenbossen und Warlords, sondern auch von radikalislamischen Taliban-Kämpfern. Ihr Ziel ist es, Afghanistan zu destabilisieren – das Gegenteil von dem also, was die internationale Staatengemeinschaft und die Nato am Hindukusch zu erreichen suchen.

Eine Tatsache, die die Verteidigungs minister des Nordatlantikbündnisses im Oktober 2008 auf den Plan rief: Bei einem Treffen in Budapest vereinbarten sie, dass die Soldaten der Afghanistanschutztruppe Isaf künftig auch „Drogeneinrichtungen und Personen, die den Aufstand unterstützen“, angreifen dürfen. Allerdings setzte Deutschland in Ungarn durch, dass die an Isaf beteiligten Nationen selbst entscheiden dürfen, ob sie von der vereinbarten Option auch tatsächlich Gebrauch machen. Der Beschluss von Budapest wiederum mündete in eine – mittlerweile modifizierte – Anweisung des Nato-Oberkommandierenden John Craddock, die militärisches Einschreiten gegen Drogenhändler in Afghanistan vorsah – unabhängig davon, ob es sich bei den Händlern um Aufständische handelt. Nach Gegenwind aus den eigenen Reihen hat Craddock den Befehl inzwischen abgeändert: In Zukunft dürfen die Isaf-Truppen gegen Drogenhändler vorgehen, „wo diese die Aufständischen konkret unterstützen“.

Wie Deutschland dazu steht, ist im aktuellen Mandat für den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr nachzulesen. Darin heißt es: „Die Verantwortung für die Drogenbekämpfung liegt bei der afghanischen Regierung.“ Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Thomas Raabe, hatte im Zusammenhang mit Craddocks Anweisung erklärt, die Bundeswehr unterstütze die afghanischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen Drogenhändler mit Logistik und Aufklärung. An Tötungsaktionen, die auch Drogenhändler treffen könnten, deren Zugehörigkeit zum Kreis der Aufständischen nicht erwiesen sei, beteiligten sich deutsche Soldaten nicht.

Indes fürchten in Afghanistan vertretene Entwicklungsorganisationen, dass sich die Sicherheitslage durch ein robusteres Vorgehen der Nato gegen die Drogenwirtschaft nicht verbessern wird. „Mit der Tötung von Drogenhändlern und der Vernichtung von Drogeneinrichtungen werden die Strukturen von Taliban und Al Qaida in Afghanistan nicht zerstört“, sagte Theo Riedke von der Deutschen Welthungerhilfe dem Tagesspiegel. Die Taliban verdienten zwar am Drogen anbau, getragen werde dieser aber von kriminellen und korrupten Netzwerken. Der Schlüssel zum Erfolg sei eine Stärkung der afghanischen Sicherheitsstrukturen.

Es bleibt abzuwarten, welche Alternativen zum militärischen Vorgehen gegen den Drogenanbau die in München versammelten Experten aus dem Hut zaubern. In der Vergangenheit gab es etwa den Vorschlag, die internationale Gemeinschaft solle Afghanistans Opiumvorräte aufkaufen – und sie als Arzneimittel verwenden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar