Afghanistan : Von Ideologie und Bürokratie am Hindukusch

Ein neues Buch eines ehemaligen Bundeswehroffiziers beschreibt, woran der deutsche Einsatz in Afghanistan auch krankt. Ein Auszug.

Marc Lindemann

Afghanistan – seit 2002 ist das Land das größte Problem deutscher Außen-, Verteidigungs- und Entwicklungspolitik. Jahrelang hat sich die Politik für den deutschen Einsatz gerne selbst auf die Schulter geklopft, aber die Wahrheit am Hindukusch sah in vielen Fällen anders aus. Dass sich vieles verbessern muss, wenn der Einsatz noch irgendwie als zumindest nicht gescheitert verbucht werden soll, wenn die Milliarden an Steuergelden nicht umsonst geflossen und, am wichtigsten, die im Einsatz ums Leben gekommenen Soldaten nicht umsonst gestorben sein sollen, das geben inzwischen auch die Verantwortlichen zu – und kündigen für die Afghanistankonferenz Ende Januar eine neue Strategie an. Einer, der die Mission hautnah erlebt hat, ist Marc Lindemann. Der studierte Politologe, Jahrgang 1977, war 2005 und 2009 als Nachrichtenoffizier für die Bundeswehr in Afghanistan. Dort war der inzwischen aus der Truppe ausgeschiedene Hauptmann der Reserve für die Gewinnung und Aufbereitung sicherheitsrelevanter Informationen zuständig, schrieb Lageberichte und stand in engem Kontakt zur Bevölkerung sowie zu befreundeten Streitkräften. Seinen Blick auf die Mission, seine teilweise harte Kritik und seine Anregungen hat er in seinem Buch „Unter Beschuss. Warum Deutschland in Afghanistan scheitert“ zusammengefasst, das heute in Berlin vorgestellt wird. Mit freundlicher Genehmigung des Econ-Verlags ist hier vorab einen Auszug zu lesen:

(…) Gehen wir direkt in den Norden Afghanistans. Die Lage, gut acht Jahre nach Beginn des Einsatzes, ist bereits ausreichend geschildert worden. Die internationale Schutztruppe, die afghanischen Sicherheitskräfte und die Bevölkerung liegen unter permanentem Feuer, angeführt von einer Gruppe von Islamisten, die erst Afghanistan und danach den Rest der Welt in ein Kalifat verwandeln wollen. Es wird bedroht, gebombt und gemordet. Die Mission ist an einem Punkt angelangt, an dem es nur noch darum geht, die Grundvoraussetzung für das Zusammenleben einer Gesellschaft wiederherzustellen. Vorrangig muss die Restauration von Sicherheit und Ordnung sichergestellt werden. Wenn das nicht gelingen sollte, ist alles andere nichts wert. Mädchenschulen sind nur leere Gebäude, wenn die Mädchen sich morgens nicht aus dem Haus trauen können. Freie Wahlen, Gleichberechtigung, Bildung, Pressefreiheit – all die Dinge, an die wir glauben, wird es für Afghanistan nicht geben können, wenn es nicht gelingt, die Aufständischen zu besiegen, die dies um jeden Preis verhindern wollen. Dieser Sieg ist nicht nur Aufgabe der Isaf (der von der Nato geführten internationalen Schutztruppe für Afghanistan, die Red.), sondern aller eingesetzten staatlichen Kräfte, auch des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Dem Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit kommt dabei sogar eine Schlüsselstellung zu, die die Bundeswehr mit ihrem derzeitigen Einsatzbefehl nicht erfüllen kann. Mit gezielten Hilfsmaßnahmen müssen militärische Erfolge gesichert werden, um die Bevölkerung dauerhaft von den Aufständischen zu trennen.
Es geht dabei um schnelle und direkte Maßnahmen, die sich sofort auswirken – eben um Nothilfe, nicht nach der Heimsuchung durch ein Erdbeben, sondern durch Taliban-Kämpfer. Die Losung der „zu gewinnenden Herzen und Köpfe der Menschen“, die der frühere Verteidigungsminister Jung immer stolz verkündete, ist richtig und altbekannt. Bereits in den fünfziger Jahren entwickelten die Briten bei einem ihrer kolonialen Erbfolgekriege in Malaysia (damals noch Malaya) eine Strategie zur nachhaltigen Bekämpfung einer Guerilla. Harten militärischen Aktionen folgten unmittelbare wirtschaftliche Aufbaumaßnahmen. Das Ziel, Herzen und Köpfe zu gewinnen, kam nach der Malaya-Intervention kaum noch weltweit konsequent zur Anwendung, obwohl es die einzige Chance zu sein scheint, einen Krieg gegen eine Guerilla mit Erfolg zu führen. Auch im Norden Afghanistans wird darüber nur gesprochen und nicht entsprechend gehandelt. Wenn unsere Soldaten Aufständische aus einem bestimmten Gebiet herausdrängen, müssen die Menschen dort schon am nächsten Tag erkennen, dass wir es sind, von denen sie profitieren. Es muss sofort eine Straße oder ein Bewässerungssystem gebaut werden. Irgendetwas, was die Leute dazu bringt, sich von den Aufständischen und ihren Zielen loszusagen. Die Entwicklungshelfer müssen dazu jedoch ihre ideologischen Hürden aufgeben. Alle verfügbaren Mittel und Kräfte müssen umgehend gebündelt und nur noch dem Kampf gegen die Islamisten untergeordnet werden. (…)

Im Januar 2009 wurde eine von vielen Chancen verpasst, einen militärischen Erfolg durch sofortige wirtschaftliche Hilfe zu sichern. Es war die erste große Operation in diesem Jahr. Alle Kräfte des PRT Kundus (Provincial Reconstruction Team, also Wiederaufbauteam), mit Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte der Provinz, drängten die Aufständischen aus dem Problemdistrikt Chahar Darreh heraus und schufen ein schmales Zeitfenster, in dem die Initiative wieder bei uns lag. Der Feind konnte sich in den Monaten zuvor stets der Unterstützung in der Bevölkerung sicher sein. Drei Ortschaften auf der westlichen Seite des Flusses, Isa Khel, Haji Amanullah und Omar Khel, bildeten dabei das Zentrum dieser Unterstützung. Genau dort hätte das BMZ schnell wirtschaftlich aktiv werden müssen, nachdem die Aufständischen vertrieben waren. Die Bevölkerung dieser Ortschaften, das war meiner Abteilung seit langem bekannt, bestand zum großen Teil nicht aus überzeugten Islamisten, sondern aus einfachen Bauern, die jedoch aufgrund ihrer paschtunischen Stammeszugehörigkeit den Aufständischen Obdach und sonstige Unterstützung gewährten. Genau diese Menschen sind aber der Schlüssel zum Erfolg in Afghanistan. Gelingt es, die einfache Landbevölkerung auf unsere Seite zu ziehen und sie von der Kollaboration mit den Taliban abzubringen, ist die Mission zu gewinnen.

Die Bundeswehr erledigt ihren Teil, so gut es Personalstärke und Ausrüstung zulassen. Sie versucht zusammen mit den afghanischen Sicherheitsbehörden die Menschen von der Plage der Aufständischen zu befreien. Das BMZ bietet leider keine schnelle Anschlusshilfe. In einer solchen Situation ist es nicht angebracht, die Afghanen mit ideologischen Grundsätzen zu überfrachten. Wenn die Bundeswehr einen Bereich gesichert hat, können nur infrastrukturelle Sofortmaßnahmen den Menschen zeigen, dass es lohnender ist, sich auf unsere Seite zu schlagen. Es geht nicht um Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Veränderungen, es geht um Schnelligkeit.

Im Fall der erwähnten Operation in Chahar Darreh ist das alles nicht passiert, obwohl sich die militärische Führung des PRT sehr darum bemühte, die Vertreter des BMZ davon zu überzeugen, sofort aktiv zu werden. Diesmal waren es Sicherheitsbedenken vonseiten der Zivilisten, die einen schnellen Einsatz verhinderten. Vertreter der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) und anderer Hilfsorganisationen wollten zunächst abwarten, ob sich die Lage stabil halten würde oder nicht. Die Sorge um das Wohl der Mitarbeiter war selbstverständlich berechtigt, ging es doch um die unruhigste Gegend des ganzen AOR (Area of Responsibility, also der Verantwortungsbereich der jeweiligen Nationen). Nichtsdestotrotz wäre ein rascher Beginn der Arbeit wichtig und notwendig gewesen. Wenn die zivilen Wiederaufbauer aber nicht bereit sind, unter dem Schutz der Bundeswehr in ein solches Gebiet zu gehen, müssen sie sich dringend überlegen, ob sie nicht die Arbeit wechseln sollten. Und selbst wenn die Aufbauhelfer unmittelbar im Anschluss aktiv geworden wären, hätte der obligatorische Planungsprozess inklusive Ausschreibung eines möglichen Bauauftrags wieder Wochen verschlungen, bis die Menschen vor Ort etwas von der Unterstützung gespürt hätten. Die Vertreter des Ministeriums sind nicht in der Lage, schnell und direkt zu handeln. Das BMZ und seine Mitarbeiter vor Ort unterhalten kein Nothilfeteam, das in einem solchen Fall augenblicklich ausrücken kann. Strategen aus allen Ebenen des Einsatzes können daraufhin sicherlich entgegnen, dass dies auch nicht der Konzeption von Entwicklungshilfe entsprechen würde. Wenn dies wahr ist, muss entweder dringend das Aufgabenspektrum erweitert werden oder es wäre erforderlich, Kompetenzen an andere Behörden abzugeben.(…)

Afghanistan verfügt über ein reichhaltiges Repertoire an Katastrophenszenarien auch außerhalb des Krieges. Oft sind es schon kleine Unterstützungsmaßnahmen, die helfen können, den Krieg zu gewinnen. Im Februar 2009 ergab sich beispielsweise eine solche Gelegenheit. Die Aufständischen schossen erneut mit zwei, drei Raketen auf unser Lager. Eine BM-1 schlug auf der Straße ein, die genau am Camp vorbeiführt, prallte ab und zerstörte das Haus eines pensionierten afghanischen Polizisten und seiner siebenköpfigen Familie. Keiner wurde verletzt, aber der Schaden für ihn war immens. Das Dach des Zweiraumgebäudes war eingestürzt, und drei Holzbalken der Deckenkonstruktion waren zerbrochen. Der Mann stand am nächsten Morgen vor unserem Tor und bat weinend um Beistand. Ich holte ihn und seinen kleinen Sohn an der Sicherheitsschleuse ab und hörte mir seine Klage an. Er habe wenig Geld, die Regierung würde ihm nicht helfen und er wüsste nicht, wie er den Schaden bezahlen sollte. Das alles entsprach den Tatsachen, eines unserer Humint-Teams (Human Intelligence, also die Informationsbeschaffung aus menschlichen Quellen) verifizierte das.

Wenn die örtliche Polizei nur gegen Bestechungsgeld überhaupt an einem Tatort wie diesem erscheint, kann niemand erwarten, dass sie der eigenen Bevölkerung aus einer Not hilft. Die Linie des PRT bei solchen Vorfällen ist allerdings ebenfalls eindeutig. Der Bittsteller ist freundlich, aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass nicht wir den Schaden verursacht haben, sondern die Aufständischen von der anderen Flussseite des Kundus River, und dass er Hilfe bei den örtlichen Behörden beantragen soll. Die Antworten sind also noch genauso einfallslos wie schon drei Jahre zuvor. Ein Wunder, dass die Menschen überhaupt weiterhin versuchen, von uns Unterstützung zu erhalten. Dass nicht wir die Raketen verschossen haben, wusste der Mann natürlich auch. Er machte uns auch keine Vorwürfe. Er versuchte eben nur mit allen Mitteln, das Haus seiner Familie wieder instand zu setzen. Am Ende gelang es mir, aus einem Handgeldtopf 80 Dollar aufzutreiben, um dem Mann die Balken und den Rest des Baumaterials kaufen zu können. Angesichts der sonstigen Kosten des Afghanistaneinsatzes eine wirklich lächerliche Summe.

Die Bundeswehr sollte ihre Haltung zu Vorfällen dieser Art überdenken. Auch wenn sie bei solchen Problemen formal nicht zuständig ist, könnten die positiven Nebenwirkungen für unsere Soldaten erheblich sein. Wie sollte ein solcher Mann nicht auf beste Weise über unsere Truppen denken, wenn wir den Schaden, den der Feind angerichtet hat, einfach und unkompliziert beheben? Er wird uns mit größter Wahrscheinlichkeit zukünftig unterstützen, sei es durch Informationen, dadurch, dass er seine Erfahrung als Ordnungshüter in der Region Kundus mit uns teilt, oder auch nur dadurch, dass er sich von den Aufständischen fernhält. Natürlich können wir nicht für jeden Nachteil aufkommen, den jemand in unserem AOR erleidet. Großzügigkeit hat sich bisher aber immer noch ausgezahlt. Es ist im Grunde auch kein Unterschied, ob das Haus eines Mannes durch ein Erdbeben, eine Überschwemmung oder durch eine feindliche Rakete zerstört wird. Er braucht Hilfe – und soll diese nicht bei den Falschen suchen. (…)

Marc Lindemann: Unter Beschuss. Warum Deutschland in Afghanistan scheitert. Econ-Verlag, 288 Seiten, 18,95 Euro, Erscheinungstag 28. Januar

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