Afghanistan vor der Wahl : Warten auf eine neue Generation

Bilanz nach acht Jahren Wiederaufbau: Schulen sind entstanden und 13.000 Kilometer Straßen – doch Demokratie gibt es nur auf dem Papier.

Ulrike Scheffer
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Berlin - Es ist einer der gefährlichsten Jobs der Welt – und dennoch wollen ihn 41 Afghanen unbedingt haben. Sie alle wollen am 20. August in das höchste Staatsamt gewählt werden. Außer dem amtierenden Präsidenten, Hamid Karsai, treten 38 Männer und zwei Frauen an. Nur zwei der Herausforderer gelten als ernst zu nehmende Gegner Karsais: der frühere Außenminister Abdullah Abdullah und Ex-Finanzminister Ashraf Ghani.

Manche der Kandidaten können weder lesen noch schreiben. Da es vielen Wählern ähnlich geht, hat sich jeder Kandidat ein Symbol ausgesucht, das auf dem Wahlzettel neben seinem Foto erscheint. Petroleumlampen sind dort zu sehen, eine Axt, Rosen, Friedenstauben, Stethoskope, ein Wecker und sogar Geschenkkartons mit Schleife. Überall prangen außerdem Plakate, auf denen der Ablauf der Wahl in Bildergeschichten dargestellt wird. Wer Fragen hat, kann die Wahlkommission anrufen. Rechts unten auf den Postern ist ein Handy mit der Telefonnummer abgebildet. Bis zu 18 000 Anrufe gehen wöchentlich ein, heißt es bei der UN-Vertretung. Das Interesse an der Wahl ist groß. Und: Afghanistan ist acht Jahre nach dem Sturz der Taliban noch immer ein Land tiefer Gegensätze – zwischen Analphabetismus und moderner Kommunikation.

Die Bilanz des Wiederaufbaus seit dem Sturz der Taliban 2001 kann auf den ersten Blick durchaus beeindrucken. Rund 2,1 Milliarden Euro fließen jährlich nach Afghanistan. Allein Deutschland hat seit 2002 mehr als 1,2 Milliarden Euro aufgebracht. Davon wurden zunächst Schulen, Krankenhäuser und Kraftwerke gebaut, 13 000 Kilometer Straßen und vieles mehr. 6,2 Millionen Kinder gehen wieder in den Unterricht, 80 Prozent der Bevölkerung erhalten eine medizinische Grundversorgung. Auch das weltweit größte Eingliederungsprogramm für Flüchtlinge wurde geschultert. Nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs und der Diktatur fundamentalistischer Gotteskrieger wird das Land von einem gewählten Präsidenten regiert, es hat ein Parlament und eine gemäßigt islamische Verfassung.

Dennoch sind viele Afghanen enttäuscht.„Es ist besser geworden, aber wir haben mehr erwartet“, sagt etwa Suraia Perlika, die seit mehr als 40 Jahren in Afghanistan für Frauenrechte kämpft. Die 65-Jährige überlebte Gefängnis und Untergrund, Warlords und Taliban. Ende 2001 schien sie am Ziel, denn Frauen sollten im Mittelpunkt des Wiederaufbaus stehen. Das Leben der meisten Frauen habe sich aber nicht verbessert, klagt Perlika. „Die neue Regierung und die internationale Gemeinschaft haben ihnen Rechte versprochen und gleichzeitig mit Fundamentalisten zusammengearbeitet.“ Tatsächlich haben auf dem Land nach wie vor patriarchalische Clanchefs oder ehemalige Warlords das Sagen. Kaum eine Frau geht hier ohne die traditionelle Burka auf die Straße, und dass die neue Verfassung Frauen grundlegende Rechte garantiert, ist außerhalb großer Städte kaum bekannt. Anfang Juli veröffentlichten die UN einen alarmierenden Bericht. Danach nehmen Morde, Vergewaltigungen, Säureangriffe und Zwangsverheiratungen wieder zu, nur wenige Täter werden bestraft. Die Regierung in Kabul kann oder will die Machtverhältnisse offenbar nicht ändern – in den Monaten vor der Wahl schmiedete Präsident Karsai sogar Bündnisse mit vielen lokalen Machthabern, um seine Wiederwahl abzusichern.

Afghanistan ist heute allenfalls auf dem Papier eine Demokratie. „Der Versuch, die Demokratie von oben einzuführen, ist gescheitert“, lautet das Fazit Perlikas. Solange die alten Strukturen nicht aufgebrochen würden, werde die Entwicklung blockiert. „Die Wohlstandsschere geht immer weiter auseinander.“ Reicher werden dabei vor allem jene, die korrupt sind, und ganz besonders die Nutznießer des Drogenanbaus, des wichtigsten Wirtschaftszweigs des jungen Staates.

Es gibt auch positive Veränderungen. Nach einigen Jahren Anlaufzeit scheint nun ein Programm seine Wirkung zu entfalten, das der Minister für ländliche Entwicklung, Ehsan Mohammed Zia, „die eigentliche Demokratisierung Afghanistans“ nennt: das Nationale Solidaritätsprogramm (NSP). Dörfer, die daran teilnehmen, bestimmen selbst, welche Entwicklungsprojekte für sie Priorität haben. Voraussetzung ist, dass die Bürger einen Dorfrat wählen – demokratisch und transparent. Der Minister und Geldgeber wie das Berliner Entwicklungsministerium sehen in dem NSP den Schlüssel für die ländliche Entwicklung Afghanistans. Auch die USA, die an einer neuen Strategie für den Hindukusch arbeiten, wollen das NSP und andere zivile Projekte stärker fördern. Zuvor soll die bisherige Hilfe einer kritischen Analyse unterzogen werden.

An schnelle Erfolge glaubt kaum noch jemand. Langfristiges Denken setzt sich durch. „Die junge Generation wird es besser machen“, sagt Islamuddin Hanifi von der afghanischen Civil Service Commission. Die Organisation bildet Verwaltungsbeamte aus. 4000 Afghanen haben bereits eine Fortbildung durchlaufen, 16 000 weitere stehen auf der Warteliste. Das Programm soll helfen, rechtsstaatliche Strukturen dort zu etablieren, wo Demokratie für die Bürger am sichtbarsten ist: in der Bürokratie. Hanifi (26) ist überzeugt, dass dies auch gelingen wird. „Persönliche Beziehungen werden mit der Zeit an Bedeutung verlieren.“ Im Juli nahm Hanifi ebenso wie Suraia Perlika an einem Lehrgang der Humboldt-Viadrina School of Governance über professionelles Projekt- und Konfliktmanagement teil.

Für das Hauptproblem Afghanistans indes zeichnet sich keine Lösung ab: die schlechte Sicherheitslage. Die Polizei- und Armeeausbildung hinkt der Planung weit hinterher, die Anzahl der Anschläge nimmt zu. In den Monaten vor der Wahl verzeichnete die Nato etwa 300 Taliban-Angriffe pro Woche, mehr als je zuvor. Und das, obwohl die internationale Schutztruppe Isaf deutlich aufgestockt wurde. Insgesamt stellt die Nato 70 000 Soldaten, bis zu 4500 kommen aus Deutschland. 35 Bundeswehrsoldaten ließen in dem Einsatz bislang ihr Leben. Doch auch eine neue Offensive im Süden zeigt bisher keinen durchschlagenden Erfolg. Ganze Landstriche sind in der Hand der Taliban und ihrer Verbündeten.

Und davon gibt es immer mehr: In einer neuen Studie hat Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network sechs Gruppen ausgemacht, die sich dem Aufstand angeschlossen haben. Viele seien von der Regierung und dem schleppenden Wiederaufbau enttäuscht, schreibt Ruttig. Der starke westliche Einfluss und die große Zahl ziviler Opfer seien weitere Faktoren. „Die Wut über das Verhalten der ausländischen Truppen hat auch Gruppen, die vorher das internationale Engagement unterstützt haben, in die Arme der Aufständischen getrieben.“ Dies immerhin soll sich ändern. Da mehr Soldaten am Boden zur Verfügung stehen, sollen weniger Luftangriffe geflogen und so zivile Opfer vermieden werden. Frieden, ist Ruttig überzeugt, wird es nur geben, wenn eine politische Lösung des Konflikts gefunden wird – kurzfristig über Gesprächsangebote an einzelne Gruppen, langfristig über einen Versöhnungsprozess. „Die ersten Schritte hätten am besten schon gestern stattgefunden, ein Versöhnungsprozess wird Jahrzehnte dauern.“

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