Politik : Afghanistan: "Wir wollen die volle Teilhabe der Frauen"

Claudia von Salzen

Sima Samar gibt nicht so leicht auf. Als sie Ende der achtziger Jahre in Afghanistan eine Mädchenschule gründen wollte, glaubte niemand daran, dass sie es schaffen könnte. Doch sie überwand nicht nur die Widerstände der Religiösen vor Ort - die Schule blieb auch später unter der Taliban-Herrschaft geöffnet. Mit ihrer Organisation "Shuhada" hat Samar in Afghanistan und Pakistan inzwischen 49 Schulen, fünf Krankenhäuser und 12 kleine Kliniken aufgebaut. In der afghanischen Interimsregierung wird die Ärztin nun Frauenministerin sowie Stellvertreterin von Regierungschef Hamid Karsai.

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Der Schritt in die Politik ist für die 44-jährige Ärztin eine logische Folge ihres Engagements für die Rechte der Frauen. "Wir können die Gesellschaft nicht ändern, wenn wir uns nicht an Politik beteiligen", sagt Samar. Für die Frauen Afghanistans, die von den Taliban aus dem öffentlichen Leben verbannt worden waren, fordert sie die "volle Teilhabe" in allen Bereichen. Samar appellierte mehrfach an die Anti-Taliban-Opposition, frauenfeindliche Positionen aufzugeben und für ein demokratisches Afghanistan einzutreten.

Seit ihrer Jugend sah sich Sima Samar gleich doppelt diskriminiert: als Frau und als Angehörige der Hazara-Minderheit. In ihrer eigenen Familie erlebte sie die Benachteiligung der Mädchen in der afghanischen Gesellschaft: Ihr Vater erlaubte ihr nicht zu studieren. Deshalb heiratete sie - und begann in Kabul ihr Medizinstudium. Ihr Mann wurde nach dem pro-sowjetischen Putsch 1978 getötet. Plötzlich stand die Studentin mit ihrem Sohn allein da. "Aber ich wollte meine Arbeit fortsetzen" - das sagt sie oft, wenn sie erklären soll, wie sie Zeiten wie diese überstanden hat. Nach dem Studium ging sie ins Gebiet der Hazara zurück, wo es noch keine Krankenhäuser gab. "Ich wollte zeigen, dass Frauen diese Arbeit machen können."

Seit 17 Jahren lebt die Ärztin im pakistanischen Exil. Im grenznahen Quetta baute sie ein Krankenhaus für afghanische Flüchtlingsfrauen auf - gegen den erbitterten Widerstand der Islamisten. Doch Sima Samar ließ sich durch Drohungen und Verleumdungen nicht einschüchtern. In Afghanistan, im Gebiet der Hazara, gründete sie neben den Kliniken zahlreiche Schulen. Bildung ist für sie der Schlüssel zur Veränderung der Gesellschaft. Von der Notwendigkeit der Mädchenschulen konnte sie auch die Mullahs der Hazara überzeugen. "Vielleicht sehen sie die Veränderungen in ihren eigenen Häusern, bei ihren eigenen Töchtern."

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