Politik : Afghanistan: Ziehen Taliban auch aus Kandahar ab?

Nach ihrem Abzug aus Kabul sollen die Taliban auch damit begonnen haben, Kandahar zu räumen. Tausende Kämpfer marschierten Augenzeugen zufolge auf die südafghanische Stadt zu, deren Flughafen sie zuvor erobert hatten. Etwa 4000 bis 5000 Mann, so schätzten Reisende, hätten den Flughafen eingenommen, der etwa 30 Kilometer südlich der Stadt liegt. Die Stadt selbst könnten sie am Dienstagabend oder Mittwochmorgen erreichen. In Kandahar befindet sich die Zentrale der bisher regierenden Taliban-Bewegung.

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Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Die Truppen der Taliban hatten sich in der Nacht zum Dienstag vor der anrückenden Nordallianz aus der Hauptstadt Kabul zurückgezogen und waren in Richtung Kandahar geflüchtet. Das Volk der Paschtunen im Süden des Landes hat bisher die Taliban unterstützt, während die Nordallianz hauptsächlich von den Minderheiten der Tadschiken und Usbeken getragen wurde. Die Anführer mehrerer Paschtunenstämme versammlten sich nach der Serie von Niederlagen der Taliban gegen die Nordallianz in Quetta im angrenzenden Pakistan, um über Lösungen für die Zukunft zu beraten.

Nach eigenen Angaben erorberten die Taliban derweil die afghanische Stadt Masar-i-Scharif zurück, wie der arabische Sender Al Dschasira am Dienstag aus der Taliban-Hochburg Kandahar berichtete. Eine unabhängige Bestätigung gab es dazu nicht.

Auf dem Militärflughafen Bagram nahe der afghanischen Hauptstadt Kabul kamen Mitglieder der amerikanischen Spezialeinheiten an. Von den sechs Elitesoldaten flogen vier wieder ab und ließen ihre beiden Kameraden und Ausrüstung zurück. Die Amerikaner waren in zivil, trugen aber Sturmgewehre des Typs M-16. Die Nordallianz hatte am Dienstmorgen von Bagram aus Kabul eingenommen. Das Kabuler Büro des Senders Al Dschasira wurde bei einem US-Raketenangriff zerstört. Wie Geschäftsführer Mohammed Dschassim el Ali weiter erklärte, befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs keiner der zehn Mitarbeiter in dem Gebäude. Man gehe davon aus, dass die Mitarbeiter unverletzt seien, wisse aber nichts über ihren derzeitigen Aufenthaltsort, sagte Ali. Die technische Ausrüstung sei komplett zerstört worden.

Die Rakete beschädigte auch die Kabuler Büros der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) und der britischen BBC. Die US-Regierung hatte Al Dschasira wiederholt vorgeworfen, Propaganda des Taliban-Regimes zu verbreiten. Besonders wurde die Ausstrahlung von Videos des Terrornetzwerkes Al Qaida und dessen Anführers Osama bin Laden kritisiert. Das Ziel des US-Angriffes vom Dienstagmorgen war zunächst unklar. Gegenüber dem Al-Dschasira-Büro liegt das Gebäude des Taliban-Ministeriums zur Förderung der Tugend.

Flug für tote Journalisten gestoppt

Die Überführung der drei in Afghanistan getöteten Journalisten durch ein französisches Militärflugzeug hat sich am Dienstag verzögert. Kasachstan verweigerte der Maschine am Montagabend den Überflug Richtung Tadschikistan, wohin die Leichen gebracht worden waren. Das Transportflugzeug musste über dem Kaspischen Meer umdrehen und landete zunächst in Kiew. Ein Grund für das Verhalten der kasachischen Flugkontrolle wurde zunächst nicht angegeben. Die zentralasiatische Republik hat ihren Luftraum für Einsätze der US-Luftwaffe geöffnet, es gibt aber kein derartiges Abkommen mit Frankreich.

Geheime Verhandlungen

Die USA haben nach einem Buch zweier französischer Geheimdienst-Experten lange vor den Anschlägen vom 11. September mit den Taliban über die Auslieferung des Terroristenführers Osama bin Laden verhandelt. Nach den Anschlägen gegen die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 habe die damalige Regierung von US-Präsident Bill Clinton von den Taliban die Auslieferung bin Ladens gefordert und ihnen im Gegenzug die Anerkennung ihres Regimes in Aussicht gestellt, schrieb die französische Zeitung "Le Monde". Sie berief sich dabei auf das Buch "Bin Laden, die verbotene Wahrheit" von Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquie, das an diesem Mittwoch in Frankreich erscheint. Die USA sollen den Taliban für die Auslieferung bin Ladens einen "goldenen Teppich" versprochen und im gegenteiligen Fall mit einen "Bombenteppich" gedroht haben.

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