Afghanistanexperte Thomas Ruttig : ''Sie fürchten um politische Vormacht''

Die Parteienstudie des Afghanistanexperten Ruttig wurde in Kabul einkassiert

Das afghanische Ministerium für Information und Kultur hat alle 1000 Exemplare einer Studie beschlagnahmen lassen, die Sie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung verfassten. Um was geht es in der Studie?

Es geht um die Entwicklung politischer Parteien in Afghanistan seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Besonders gehe ich natürlich auf die gegenwärtige Parteienlandschaft ein und welche Rolle Parteien bei der Präsidentenwahl 2004 und der Parlamentswahl 2005 spielten.

Was wird denn an der Studie kritisiert?

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat mir eine Liste mit 16 Beanstandungen des Ministeriums zugesandt. In Kabul nimmt man Anstoß an bestimmten Formulierungen, die ich zur Charakterisierung von Parteien verwendet habe – Mudschaheddin-Parteien ist so ein Begriff, oder das Wort „Warlord“ – Kriegsfürst. Diese Dinge sind schlicht Realität in Afghanistan, die Verwendung dieser Begriffe ist aber nach Ansicht des Ministeriums dazu geeignet, der nationalen Einheit in Afghanistan zu schaden. Letzteres ist mir aber nur mündlich mitgeteilt worden. Schriftlich habe ich nur die erwähnte Liste. Soweit ich weiß, liegt auch der Adenauer- Stiftung nichts weiteres vor.

Ist es mit der Meinungsfreiheit in Afghanistan weniger weit her, als wir es uns wünschen?

Es gibt eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen politischen Strömungen in Afghanistan. Darunter sind die, die ich jetzt relativ pauschal als Islamisten bezeichnen würde. Ein Teil der islamischen Geistlichkeit versucht unter der Überschrift „Bewahrung von Tradition und religiösen Werten“, bestimmte Dinge zu verhindern, die sie als Einfluss des Westens und moralisch korumpierend bezeichnen. Eigentlich aber fürchten sie nur um ihre politische Vormacht. Diese Leute sind es aus ihrer politischen Geschichte heraus nicht gewohnt, kontroverse Debatten auszuhalten, sondern setzten in der Vergangenheit eher auf Gewalt und Einschüchterung. Das zeigt sich auch in solchen Vorfällen. Genauso gibt es aber auch die liberal Eingestellten in Afghanistan, die sich bemühen, die in der Verfassung festgeschriebenen Freiheiten durchzusetzen.

Haben nun die Konservativen die Oberhand? Einem jungen Journalistikstudenten, der aus dem Internet Texte über die Unterdrückung der Frau im Koran kopiert hat, droht jetzt das Todesurteil.

Es gibt eine ständige Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen. Auch wenn das in diesem Fall nicht so aussieht. Die internationale Gemeinschaft beobachtet jeden Fall genau, und spricht darüber mit afghanischen Regierungsvertretern und setzt sich für die Betroffenen ein. Das Todesurteil gegen Herrn Kambachsch ist natürlich inakzeptabel. Es hat auch schon früher höchst fragwürdigeTodesurteile gegen afghanische Journalisten gegeben, die ohne fairen Prozess zustande gekommen waren. Bisher hat man da immer eine Lösung gefunden – von diesen Menschen wurde niemand hingerichtet.

Wie geht es jetzt im Fall der Adenauer-Studie weiter?

Das muss die Stiftung entscheiden. Sie hat bereits verschiedene Stellen informiert, ich warte erst mal ab. Außerdem ist die Studie ja weiter im Internet zugänglich. Allerdings nur auf Englisch. Damit wird es natürlich für Afghanen schwieriger, sie zu lesen. Viele können kein Englisch, haben keinen Strom oder Internetzugang.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

Thomas Ruttig ist einer der renommiertesten Afghanistanexperten in Deutschland. Er kennt das Land seit 1983 und hat auch für das Auswärtige Amt dort gearbeitet.

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