Politik : Afghanistans Opposition rückt der Hauptstadt Kabul näher

epd

Die oppositionellen Kämpfer unter Kommandeur Ahmad Schah Masud haben eine Offensive gegen die Taliban begonnen. Nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul brachen am Freitag nach Angaben von Bewohnern heftige Artilleriegefechte aus. Granateneinschläge auf der Schomali-Ebene 25 Kilometer nördlich von Kabul brachten auch die Hauptstadt wieder in Reichweite von Masuds Artillerie. Unabhängige Berichte lagen zunächst nicht vor, da die Taliban Reportern den Zutritt verwehrten. Bei den Kämpfen, die vor zwei Wochen mit einer Offensive der in Kabul regierenden Taliban-Bewegung aufgeflammt waren, sind nach unbestätigten Berichten 1000 Menschen getötet worden.

Die Opposition unter Schah Masud hatte am Donnerstag den Flughafen Bagram zurückerobert und die Verbände der regierenden radikal-islamischen Taliban aus strategisch wichtigen Gebieten zurückgedrängt. Der Informationsminister der Taliban, Amir Chan Muttaki, sagte der Nachrichtenagentur AIP, aufgrund der gegnerischen Offensive hätten die Taliban-Kämpfer sich aus taktischen Überlegungen zurückgezogen, da man Opfer unter der Zivilbevölkerung befürchtet habe.

Bagram und die ebenfalls von der Opposition zurückeroberten Städte Charikar, Dschablus, Seraj, Mahmud Raki und Gulbahar liegen in dem Gebiet nördlich der Hauptstadt Kabul, das von Masud seit über zwei Jahren kontrolliert wird und kürzlich von den Taliban eingenommen worden war. Der Flughafen Bagram ist die wichtigste Nachschubbasis für Masud, der mit seinen Einheiten das Pandscher-Tal als letzte Hochburg der Opposition hält.

Der UN-Sicherheitsrat in New York verurteilte in der Nacht zu Freitag die jüngste Offensive der Taliban. In einer Erklärung hieß es, die UN forderten einen sofortigen Stopp der Offensive und die Wiederaufnahme von Friedensgesprächen. Der Rat äußerte sich zudem besorgt über die "massive ausländische Unterstützung". Die Taliban, die vor allem Hilfe aus Pakistan bekommen, werfen der Opposition im Norden vor, vom Iran, Russland, Usbekistan und Tadschikistan unterstützt zu werden.

Die jetzt regierenden Taliban hatten im Herbst 1996 die Regierung in Kabul gestürzt und einen radikal-islamischen Staat ausgerufen. Die Taliban werden nur von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt. Ende Juni war ein neuer Versuch der UNO gescheitert, Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und der alten, völkerrechtlich immer noch anerkannten Regierung zu Stande zu bringen. Die Taliban kontrollieren rund 90 Prozent Afghanistans.

Durch die jüngste Taliban-Offensive sind nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) 100 000 bis 140 000 Menschen vertrieben worden. Die meisten hätten im Rückzugsgebiet der Masud-Verbände im Panschir-Tal nördlich Kabuls Zuflucht gesucht. Bis zu 40 000 Frauen und Kinder seien von den Taliban aber gegen ihren Willen nach Kabul und Dschalalabad im Südwesten des Landes gebracht worden, erklärte UNHCR-Sprecherin Judith Kumin.

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